Im Winter 1927, in der letzten Woche vor der
Schneeschmelze, stirbt der letzte Bergbauer von
St. Wolfgang unter unerklärlichen Umständen:
sein Körper ist nicht im Haus, sondern im
Gletscher eingeschlossen, die Hände um ein Buch
gekrümmt, das nicht aus dem Dorf stammt. Die
Kirche verbietet die Bergbestattung, sagt, er
sei vom Teufel geholt worden. Niemand darf mehr
vom Dorf sprechen.
Der melancholische Dichter, ehemals Hofdichter
in Wien, zieht sich in die verlassene Kapelle
von Oberdorf zurück. Er hat die Notizen des
Bauern — 17 Seiten, geschrieben in einem alten
Dialekt, der noch vom Habsburger Wasserrecht
spricht: dass die Berge nicht Eigentum, sondern
Zeugen sind. Jeder, der sie beschreibt, verliert
sein Recht auf Wasser, Land, Brot. Die Regierung
hat das Gesetz 1923 erlassen — nach dem Krieg,
als die Macht über die Alpen an die neuen
Bankiers ging.
Im Frühjahr 1928 schmilzt der Gletscher
schneller als je zuvor. Ein Damm bricht. Das
Wasser tritt nicht über die Ufer — es klettert
die Hänge hinauf, als hätte es Erinnerung. Es
fließt durch die Kirchenfenster von St. Wolfgang,
spült die Namen der Verstorbenen von den
Grabsteinen, lässt die Statuen der Heiligen im
Schlamm versinken. Die Gemeinde flieht. Die
Priester predigen Buße.
Der Dichter geht hinauf. Er trägt das Buch, das
er seit Jahren heimlich kopiert hat. Er stellt
es auf den Stein, wo einst das Dorf war. Die
Wogen erreichen ihn nicht. Sie umfließen es, als
würden sie es erkennen.
Am Morgen danach ist das Buch verschwunden. Nur
ein Stein bleibt — mit einem Wort gemeißelt:
Zeuge.
Keiner spricht davon. Keiner weint. Aber in
allen Dörfern der Oberösterreicher Alpen hört
man plötzlich Kinder Lieder singen, die niemand
gelehrt hat — Melodien aus dem alten Wasserrecht,
aus der Zeit, bevor die Berge verkauft wurden.
Die Kirche schließt die Kapellen. Die Polizei
verbietet das Singen.
Und der Dichter?
Er sitzt noch in der Ruine. Schreibt nicht mehr.
Schaut nur auf den Schnee, der nicht mehr fällt.


