Der Bergbauer aus St. Wolfgang zählt sieben
Pferde, als die erste Lawine den Weg nach
Mitterdorf verschluckt. Die Republik hat
verboten, dass Almbauern nach dem Krieg noch
Vieh auf die Hochalmen treiben – nicht wegen
Wildschutz, sondern weil die Besatzungsbehörden
glauben, die Berge seien ein Nest von
Schwarzhändlern und versteckten SSMännern. Wer
das Verbot bricht, verliert die
Lebensmittelkarten. Wer sie nicht braucht,
stirbt langsam. Er braucht sie nicht. Er braucht
nur die Pferde.
Der Schnee, der seit drei Wintern nicht mehr
schmilzt, liegt wie ein Leichentuch über den
Gipfeln. Er bewegt sich nicht wie Schnee. Er
klingt, wenn er sich verschiebt – wie ein
Pferdehuf auf gefrorenem Bach. Die Dorfbewohner
sagen, es sei das Geisterheer der Habsburger
Reiter, die nie abgeritten sind. Der Bergbauer
sagt nichts. Er weiß: Der Schnee hat die
Kuhweiden verschluckt, die Zäune aufgebrochen,
die Leichen der Gefallenen aus dem Eis geholt –
und sie stehen jetzt, still, am Waldrand, mit
Augen aus gefrorenem Moos.
Am siebten Tag des Winters bricht die letzte Kuh
durch den Eiswall. Sie stürzt in den Abgrund,
doch der Schnee fängt sie nicht. Er trägt sie.
Und hinter ihr folgen die sieben Pferde – nicht
fliehend, sondern gehorsam. Der Bergbauer läuft
hinterher, ohne Stiefel, ohne Jacke, nur mit dem
alten Jagdmesser. Die Soldaten vom Bezirksamt
kommen mit Maschinengewehren und einem Befehl
aus Wien: „Kein Vieh, kein Volk, kein Schnee
darf die Grenze überschreiten.“
Sie schießen. Der Schnee nimmt die Kugeln auf.
Sie verschwinden. Dann steigt er – nicht als
Lawine, sondern als Wand aus gefrorenem Atem,
mit den Gesichtern der Toten aus dem Krieg darin:
der Pfarrer, der den Widerstand verriet; der
Bauer, der seine Tochter an die SS verkaufte;
die Mutter, die ihr Kind im Schnee verloren hat.
Sie reden nicht. Sie starren.
Der Bergbauer hebt das Messer – nicht zum Stich,
sondern zum Zeichen. Er legt es auf den Schnee.
Der Schnee nimmt es. Dann bricht er. Nicht in
Stücke. In tausend Spiegel. Jeder Spiegel zeigt
ein anderes Tal – eines mit Kriegsgräbern, eines
mit neuen Fabriken, eines mit Kindern, die in
der Schule singen, was sie nicht verstehen.
Am Morgen liegt der Schnee wie gewöhnlich. Die
Pferde sind verschwunden. Die Kuh liegt tot im
Bach. Die Soldaten haben die Leiche abgeholt.
Die Karten sind nicht zurückgekommen. Die
Dorfbewohner gehen zur Messe. Niemand spricht
vom Schnee.
Aber im Keller des Bergbauern hängt das Messer.
Und unter dem Boden, wo der Schnee einmal war,
wächst jetzt ein einziger Edelweißstrauch – ohne
Boden, ohne Sonne. Er blüht. Jedes Jahr. Im
Januar. Genau dann, wenn die ersten
Schneeflocken fallen.


