Im Herbst 1927, als die letzte HabsburgerMünze
in Salzburgs Münzstätte eingeschmolzen wurde,
blieb im oberen Lungau das Bergwerk St. Oswald
als Geheimnis erhalten — nicht wegen Erz,
sondern weil es seit 1897 keine offiziellen
Einträge mehr gab. Die Gemeinde sprach nicht
davon. Die Kirche betete dafür. Die Frauen
wussten, aber sagten nichts.
Elisabeth Koller, die emanzipierte Lehrerin aus
Zell am See, kam mit einem Koffer voller
Schulbücher und dem Auftrag, die Kinder der
Bergbauern zu unterrichten. Sie trug keine
Schürze, sondern eine Strickjacke aus Wien, und
ließ die Jungen im Winter die Verfassung von
1920 vorlesen — ein Vergehen, das der Pfarrer
mit dem Blick eines Mannes quittierte, der noch
den Kaiser gesehen hatte.
Als der Bergarbeiter Jakob Riedler verschwand,
nachdem er drei Nächte lang vor der Kapelle
kniete, wurde der Dorfklatsch zu einem Schweigen,
das wie Fels in den Kehlen lag. Die Frauen im
Marktcafé flüsterten nicht mehr über Ehebruch
oder Kuhkrankheiten — sie sprachen von den
„Kindern, die nie geboren wurden“. Jede Familie
hatte eines verloren. Keiner nannte es Mord.
Elisabeth fand den Schlüssel in einem alten
Kirchenbuch: Unter „Todesfälle 1894–1902“
standen sieben Namen — alle Söhne, alle geboren
in der gleichen Woche, alle in der gleichen
Höhle. Die Bergleute hatten die Kinder nicht
verloren. Sie hatten sie versteckt. Weil die
Mine nicht nur Kupfer, sondern auch einen alten
Berggeist barg, der nur mit Blut gesättigt wurde
— ein Brauch aus der Zeit, als die Kaiser noch
die Berge als ihre Kirchen betrachteten.
Als sie den Eingang hinter dem alten Stall fand,
roch sie nach Erde und verfaultem Holz. Drei
Kinderleichen, in Leinentücher gewickelt, lagen
neben einer Holztafel mit dem Wappen der Familie
Riedler — und daneben das Wappen der Familie
Koller. Ihre eigene Familie. Ihr Großvater hatte
die Mine geplant. Ihr Vater hatte die Kinder
gewählt.
Sie brachte die Leichen in den Schnee, wo der
erste Frost sie bedeckte. Am nächsten Morgen
standen alle Frauen der Gemeinde vor der Schule —
ohne Worte. Sie trugen ihre Töchter an den
Schultern, wie man sie früher zum Tauwetter
brachte.
Niemand sprach von Jakob Riedler. Niemand fragte
nach Elisabeth. Aber als der erste Schnee
schmolz, war die Mine verschlossen — nicht mit
Stein, sondern mit Gras. Und in der Kirche stand
ein neues Bild: Maria mit sieben Kindern an den
Händen, unter ihr der Name Koller, in goldener
Schrift, die niemand mehr auszulöschen wagte.
Die Blutfehde endete nicht mit einem Schuss. Sie
endete mit einem Schweigen, das die Bergwelt
endlich hörte.
Die Nostalgie war nicht für Kaiser und Kronen.
Sie war für die Kinder, die niemand mehr
benannte — bis eine Frau sie aus der Erde holte.


