Im Frühjahr 1934, als die Christlichsozialen das
erste Mal die Alpen als „blutige Seele der
Nation“ vereinnahmen, zieht Elisabeth von
Hohenegg, verwitwete Gräfin aus dem Tiroler
Hochgebirge, in die verlassene Alm oberhalb von
Kitzbühel. Ihr Titel ist erloschen, ihr Vermögen
versteigert — doch sie trägt noch die alte
Sprache der Bergmädchen, die die Gletscher rufen,
bevor der Schnee fällt. Die neue Ordnung duldet
keine Frauen, die mit dem Berg reden. Sie gilt
als Hexe, doch niemand kennt mehr, wie der
Schnee flüstert, wenn der Gletscher stirbt.
Die Behörden verlangen, dass alle Almen bis
Herbst geräumt werden — „zur hygienischen
Ordnung der Heimat“. Doch in den Akten der
Landesverwaltung steht nicht „Umsiedlung“,
sondern „Beseitigung der unkontrollierbaren
Weiblichkeit“. Die Almen werden nicht für
Tourismus freigegeben, sondern für die neue
ReichswehrTrainingsstätte. Die letzten
Bergbäuerinnen, die noch den alten Ritus der
Schneebitte kennen, verschwinden nachts. Kein
Leichnam, keine Akte. Nur ein Stein, der in der
Eingangshalle des Landratsamts auftaucht: ein
Gletscherstein, mit einem Auge aus Bernstein
eingesetzt.
Elisabeth findet die letzte, die noch spricht:
Agnes aus Kufstein, 87, mit den Händen, die den
Schnee formten, bevor er fiel. Agnes hat nicht
gerufen, sie hat gewarnt. Sie hat den Schnee
gebeten, nicht zu schmelzen — denn wenn er
schmilzt, kommt das, was unter ihm lag. Die
SSLagerkommandanten wissen es. Sie haben die
alten Grotten in den Bergen kartiert. Dort, wo
die Bergleute einst Silber gruben, liegt ein
Versteck mit Gold, das die Habsburger vor 1918
vergraben haben. Und die Frauen, die den Berg
kannten, wissen, wo.
Am Abend des 17. Mai, als die erste
Schneefallwelle über den Kitzbüheler Gletscher
zieht, geht Elisabeth allein hinauf. Sie trägt
kein Gewehr, nur eine alte Holzflöte aus der
Zeit der Kaiserin. Sie spielt das Lied, das die
Mütter sangen, wenn der Berg drohte, sich zu
öffnen. Die Wache, ein junger Mann aus Linz, der
noch an Engel glaubt, lässt sie passieren. Er
weiß nicht, dass das Lied die Schneedecke nicht
beruhigt — es lockt die Erde. Unter ihnen bricht
der Fels. Ein Riss, breit wie ein Kirchenschiff,
öffnet sich. Nicht Gold. Nicht Waffen. Sondern
Knochen. Tausende. Aus dem Ersten Weltkrieg. Aus
den Lagern, die niemand je benannte. Die Frauen,
die verschwanden, haben sie dort hingelegt.
Am Morgen ist Elisabeth verschwunden. Die Flöte
liegt auf dem Steinhaufen. Die Alm brennt. Die
Behörden sagen: „Unfall durch instabile
Schneelage“. Doch in den Kirchen von Tirol
flüstert man: Sie hat den Berg gerufen. Und der
Berg hat geantwortet. Die Verschwörung ist
gebrochen — nicht durch Widerstand, sondern
durch den Boden, der nicht mehr lügen will. Der
Alpenmythos hat einen Riss. Und er wird nie mehr
ganz sein.


