Im Herbst 1927 betritt Elisabeth von Rautenau

das verwitterte Almhaus am Fuß des Dachsteins,

das ihr Großvater ihr vermacht hat — kein Geld,

kein Grundbuch, nur ein Testament, das sie

zwingt, mit dem alten Josef Schmid unter einem

Dach zu leben, bis er stirbt. Niemand in

Salzburg hat ihn gesehen, seit 1914. Die

Republik hat die Alpen vergessen, aber das

Gesetz der Bauern nicht: Wer ein Berggut erbt,

muss es bewohnen — oder es verlieren.

Das Haus ist kein Museum. Es ist ein lebendiger

Tempel der alten Ordnung: Der Ofen brennt nur

mit Föhrenholz, das Wasser kommt aus einem Quell,

den nur Josef kennt, und die Treppe zum

Dachboden ist mit Knochen von Schafen verkleidet

— ein Brauch aus der Zeit, als der Kaiser noch

die Almen zählte. Jeder, der hereinkommt, muss

die Holztafel mit den Namen der Verstorbenen

berühren. Elisabeth tut es nicht. Sie bringt

eine neue Uhr mit, elektrisch, aus Wien.

Am dritten Tag bricht Josef den Ofen auf, weil

sie das Holz aus dem Wald des Gemeindeverbandes

geholt hat. Die Gemeinde hat seit 1920 das

Holzrecht abgeschafft — doch hier, im Haus, gilt

noch das Recht der Vorfahren: Wer nicht selbst

sammelt, darf nicht heizen. Josef wirft das Holz

ins Feuer, als wäre es eine Lüge. Elisabeth

schreit nicht. Sie weint nicht. Sie nimmt den

Schlüssel zur Kammer mit den alten Landkarten.

Am achten Tag findet sie die Urkunde: Das Haus

liegt nicht auf ihrem Namen, sondern auf dem des

letzten Bergbauern, der 1918 starb — ein Mann,

der nie heiratete, aber einen Sohn hatte. Josef.

Der Sohn wurde 1915 zum Kriegsdienst eingezogen.

Er kam nicht zurück. Doch das Testament sagt: Er

lebt. Und solange er lebt, ist das Haus nicht

ihr Eigentum.

Sie geht in den Stall, findet den versteckten

Keller unter dem Heu. Da liegt ein Mann, halb

verwest, in einer Decke aus Wolle, mit einem

Löffel in der Hand, den er nie losließ. Sein

Gesicht ist verbrannt, sein Name auf einem

Holzknöchel eingeritzt: Josef Schmid. Er hat nie

das Haus verlassen. Er hat sich selbst

eingemauert, nachdem die Republik die Almen

verkaufte, die er für seine Familie bewahrte.

Elisabeth holt die Schaufel. Sie gräbt ein Grab

neben dem Ofen, wo die anderen Toten liegen. Sie

legt ihn hin. Sie legt den Löffel in seine Hand.

Sie zündet die erste Kerze an, die nicht aus der

Stadt kam.

Am Morgen steht sie vor dem Gemeindeamt. Sie

reicht die Urkunde ein. Die Beamten lachen. Sie

sagen: Das Gesetz ist 1922 geändert worden.

Sie sagt nichts. Geht zurück. Schließt das Tor.

Am Abend brennt das Haus nicht. Es leuchtet.

Sie hat das Testament erfüllt.

Sie ist die letzte Erbin.

Und das Almhaus ist jetzt ein Grab.

Und niemand wird es kaufen.