Im Herbst 1952 stolpert die Frau mit dem Namen,
den keiner ausspricht, durch den Schnee vor dem
Wirtshaus „Zum goldenen Hirschen“ in Mitterberg.
Sie trägt keinen Pass, keine Erinnerung, nur
eine Schürze aus schwarzem Leinen und eine Wunde
am Schädel, die nicht heilen will. Die
Dorfbewohner nennen sie „die Verlorene“. Niemand
fragt, wer sie war. Niemand will es wissen.
Das Wirtshaus ist kein gewöhnliches Haus. Es
steht auf dem alten Bergwerkstollen, den die
Nazis 1944 zum Versteck für gestohlene
Kirchenschätze nutzten — und den die Gemeinde
nach dem Krieg verschloss, weil drei Männer
verschwanden, die zu viel wussten. Die Regierung
hat die Akten vernichtet. Die Kirche betet für
die Toten. Die Bauern schweigen. Doch das Holz
der Treppe knarrt nur, wenn jemand die falsche
Stufe betritt — und nur die Wirtin kennt, welche
das ist.
Sie putzt jeden Morgen die Gläser, kocht Gulasch
mit Zwiebeln, die sie aus dem Keller holt — ein
Rezept, das sie nicht gelernt hat, aber das ihr
Körper kennt. Einmal, als ein junger Beamter vom
Landesarchiv kommt, um „die Akten zu sortieren“,
greift sie nach dem Messer, das unter dem Tisch
liegt, und sagt nichts. Er geht. Später findet
man seine Krawatte am Eingang des vermauerten
Stollens.
Drei Wochen später bricht der erste Schnee. Ein
Kind aus dem Dorf läuft nachts zum Wirtshaus,
weil es von einer Frau träumt, die im Keller
singt. Die Wirtin öffnet die Tür. Sie nimmt das
Kind in die Arme. Sie weint. Sie erinnert sich:
Sie war die Tochter des Bergbauern, der den
Stollen vermauerte, um die Schätze zu schützen —
und die von den SSMännern verschleppt wurde,
weil sie ihren Vater verriet, um ihr Kind zu
retten. Sie erinnert sich nicht an den Namen.
Aber an das Lied.
Am nächsten Tag bringt sie den Schlüssel zum
Stollen zum Pfarrer. Nicht zum Polizeikommissar.
Nicht zur Stadt. Zum Pfarrer. Sie sagt: „Die
Toten sollen ruhen. Aber die Lebenden sollen
wissen, was sie tragen.“ Er öffnet die Tür. Die
Kisten mit den silbernen Hostienbehältern und
den gestohlenen Messingkruzifixen liegen noch da,
bedeckt von Staub und Moos. Und zwischen ihnen:
ein Kinderstiefel, der nicht von 1944 stammt.
Die Dorfgemeinde kommt nicht, um zu danken. Aber
am Abend legt eine alte Bäuerin einen Kranz aus
Enzian und Zirbelkiefer vor die Tür. Ein zweiter
folgt. Dann ein dritter. Keiner spricht. Aber
die Gläser, die die Wirtin am Morgen putzt,
stehen jetzt sauber — und niemand bestellt mehr
Bier. Sie trinkt es selbst. Und lächelt. Nicht,
weil sie sich erinnert. Sondern weil sie endlich
weiß, wofür sie steht.


