Im Herbst 1932 zählt Mariazell noch 172
Einwohner, aber nur sieben gehen regelmäßig in
die Kirche. Die alte Pilgerstätte ist zur
Touristenfalle verkommen, die Wallfahrtskasse
leer, die Bahnlinie nach St. Pölten stillgelegt.
Maria Huber, 38, mit einer Zigarette im Mund und
einem Notizblock unter dem Arm, fotografiert die
abgebrochenen Kreuze am Kirchenchor, die
verrosteten Gedenktafeln der Habsburger, die vom
Pfarrer mit Kalk überstrichen wurden. Sie
schreibt nicht für die Zeitung, sondern für sich:
Jede verwitterte Inschrift ist ein Beweis, dass
die Welt nicht immer so brüchig war.
Die Kirche lagert seit 1918 die Silberne Schale
der Kaiserin Maria Theresia — ein Geschenk aus
Wien, das die Dorfbewohner heimlich als
Heiligtum verehrten, obwohl die Republik es als
Monarchensymbol verboten hatte. Die Schale war
nie ausgestellt, nie gelistet. Nur die ältesten
Frauen wussten, wo sie verborgen war: hinter der
Orgel, in einem Holzkasten mit drei Schlössern,
die niemand öffnete. Es war die letzte sichtbare
Spur der Kaiserzeit, die nicht durch Propaganda
oder Geld verfälscht worden war.
Als die Schale verschwindet, geht kein Anzeige
ein. Kein Dieb, kein Polizist, kein Pfarrer.
Aber drei Tage später wird die alte Magd, Anna K.
, tot auf dem Weg zur Messe gefunden — mit einem
gebrochenen Kruzifix in der Hand und dem
Schlüssel zur Orgelkiste in der Tasche. Die
Kirche wird geschlossen. Die Jugendlichen aus
dem Tal kommen mit Picknickschachteln und
trinken Bier auf den Stufen. Ein junger
Bauernsohn aus der Nähe von Sankt Wolfgang sagt
laut: „Die alte Schale war nur Staub. Wir
brauchen keine Kaiser, wir brauchen Brot.“
Maria Huber findet den Kasten im Keller der
Pfarrscheune. Er ist offen. Keine Schale. Dafür
ein Brief von 1923, unterschrieben mit „Kaiser
Franz Joseph“ — eine Fälschung, geschrieben von
einem ehemaligen Hofdiener, der sieben Jahre in
einem Lager verbracht hatte. Darin steht: „Die
Schale ist nicht verschwunden. Sie wurde geteilt.
Einer Teil für Wien, einer für uns. Wir haben
sie versteckt, damit sie niemand mehr benutzt.“
Sie nimmt den Brief, aber nicht die Schale. Sie
geht zur Post, schreibt eine Postkarte — nicht
an eine Zeitung, nicht an einen Freund — sondern
an die letzte Überlebende der Kaiserzeit: eine
alte Nonne in einem Kloster in der Steiermark.
Sie schreibt: „Die Schale war kein Symbol. Sie
war die letzte Stimme, die uns sagte, dass wir
etwas gemeinsam hatten.“
Am nächsten Morgen liegt die Postkarte
unzustellbar im Briefkasten. Die Nonne ist
gestorben. Die Kirche wird abgerissen. Die
Steine werden verkauft, um die neue Straße nach
Graz zu finanzieren. In der letzten Nacht, bevor
die Bulldozer kommen, legt Maria Huber die
Postkarte in den Kasten, den sie gefunden hat.
Sie schließt ihn. Und geht. Ohne sich umzudrehen.
Die Schale ist verschwunden. Aber der Brief
bleibt. Und mit ihm die Erkenntnis: Nicht die
Dinge verlieren ihre Bedeutung. Es ist die Angst,
sie jemals wieder zu benennen.


