Im Jahr 1927, in St. Georgen am Walde, rührt
sich die Erde unter den alten Granitblöcken am
Dorfrand nicht mehr — seit dem Krieg nicht mehr.
Doch Maria Koller, die emanzipierte Lehrerin mit
den abgenutzten Schuhen und dem Brief vom
Bildungsministerium in Wien, berührt sie
trotzdem. Sie hat gelernt, dass Steine nicht nur
Stein sind. Sie hat gelesen, wie die Römer in
Aquileia die Namen der Gefallenen in die
Fundamente schrieben. Hier, in den Alpen, haben
die Bauern die Namen der Toten aus dem Krieg in
die Steinplatten gemeißelt — nicht als Gedenken,
sondern als Verschleierung. Die Kirche hat sie
segnen lassen. Die Gemeinde hat geschwiegen.
Doch die Steine atmen.
Als sie am Morgen nach dem ersten Kontakt die
Hand auf den ersten Stein legt, sieht sie ihn:
Josef, der Bäcker, mit dem Gesicht aus Asche,
der im Winter ’16 in den Schützengräben von
Isonzo starb, weil er nicht mehr schreien konnte.
Sie wacht auf mit Salz auf den Lippen. Niemand
fragt. Niemand darf fragen. Die Regeln sind
still: Wer die Steine berührt, wird vom Dorf
ausgeschlossen. Wer spricht, verschwindet. Die
Pfarre hat es aus den Akten gelöscht — aber die
Steine nicht.
Am dritten Tag öffnet sich der zweite Stein.
Dort liegt Anna, die Köchin, die die Soldaten
mit Brot versorgt hat — und dann von den eigenen
Brüdern erschossen wurde, weil sie „zu viel
gesehen hatte“. Maria findet ihre Haare im Stein,
noch feucht. Sie versteckt sie in der Tasche
ihres Mantels. Die Kirche ruft sie am Abend. Der
Pfarrer sagt nichts. Nur: „Die Toten ruhen.
Nicht für uns. Nicht für Sie.“ Sie nickt. Geht.
Am nächsten Morgen bringt sie die Haare zum
Friedhof — und legt sie zwischen zwei neue
Gräber, die niemand gegraben hat.
Der vierte Stein öffnet sich, als sie den Namen
„Walter Riedl“ liest — den Lehrer, der vor zehn
Jahren verschwand, nachdem er über die „Tote
Winkel“ im Keller der Schule geschrieben hatte.
Sein Name ist nicht auf dem Gedenkstein. Er
steht auf dem Stein, der unter der Kirche liegt.
Sie steigt hinab. Die Treppe ist vermauert. Sie
bricht mit dem Spitzhacke durch. Die Luft riecht
nach feuchtem Lehm und verbranntem Holz. Dort,
im verborgenen Raum, hängen drei Dutzend Steine
an der Wand. Jeder trägt einen Namen. Jeder ist
warm. Jeder atmet.
Sie nimmt einen Stein in die Hand. Ein Schrei
durchfährt sie — nicht ihr eigener. Tausende
Stimmen, die nie gesprochen haben. Die Kirche
hat sie verschluckt. Die Gemeinde hat sie
vergraben. Aber die Steine haben sich nicht
bewahrt. Sie haben sich erinnert.
Am Morgen des vierten Tages wird sie nicht mehr
gesehen. Die Schule bleibt zu. Der Pfarrer lässt
die Treppe zum Keller wieder vermauern. Die
Steine am Dorfrand werden mit Kalk überschmiert.
Doch in der Nacht, wenn der Nebel vom Gschwendt
heraufsteigt, hört man sie: ein leises Klopfen.
Nicht von unten. Von innen.
Und in Wien, im Ministerium, wird ein Brief
abgelegt — unerwähnt, ungeöffnet. Darin steht
nur: „Sie hat es gesehen. Sie hat es berührt.
Jetzt wissen wir, dass die Toten nicht tot sind.
Sie warten.“
Die Steine atmen weiter.
Die Lehrerin ist verschwunden.
Die Gemeinde schweigt.
Aber der Berg weiß es.


