Im Winter 1927, als die Republik zittert und die
ersten schwarzen Uniformen in Salzburg
auftauchen, hält Maria Huber, die Wirtin von
Mitterberg, ein Buch in den Händen, das nicht in
ihre Küche gehören darf. Es ist kein politisches
Pamphlet, kein Kirchenverbot – es ist das
Tagebuch ihres verstorbenen Mannes, eines
Bergarbeiters, der in den Kriegszügen des alten
Kaiserreichs verschwand und 1919 als „vermisst“
zurückkehrte, mit einem Bein, das nicht mehr
gehörte, und Augen, die nie mehr das Licht der
Alpen sahen.
Das Buch ist in deutscher Sprache geschrieben –
aber nicht mit den Worten der neuen Ordnung. Es
beschreibt, wie Soldaten aus Tirol und Kärnten
in den Schützengräben des Isonzo gemeinsam mit
italienischen Gefangenen Brot teilten, während
ihre Offiziere sie mit Gewehren zählten. Es
nennt Namen. Es nennt Orte, die heute als „nicht
existent“ gelten.
Maria hat das Buch sieben Jahre unter dem
Bodenbrett der Speisekammer verborgen. Jeden
Abend, wenn die letzten Gäste gegangen sind und
das Feuer in der Ofenbank nur noch glüht, zieht
sie es hervor. Sie liest nicht. Sie hält es. Als
wäre es ein Kind, das nicht weinen darf.
Doch diesmal kommt der Pfarrer. Nicht wegen der
Messe. Nicht wegen der Kollekte. Er steht vor
der Tür mit einem Brief vom Bezirkskommissariat.
Ein junger Mann aus Wien, mit einer Aktenmappe,
die nach Papier und Angst riecht, hat das Buch
in einem alten Lager in Graz entdeckt. Es ist
als „verdächtige literarische Sammlung“
registriert. Die Behörden verlangen es.
Maria brennt es. Nicht in der Ofenbank. Nicht in
der Kammer. Sie trägt es hinauf zur alten
Holzkirche, die seit 1915 keine Messe mehr kennt,
weil die Gläubigen zu sehr wissen, was sie dort
gesehen haben. Sie legt es auf den Steinboden
vor dem Altar, wo einst die Heiligenbilder
hingen – jetzt nur noch die Spuren von Rauch und
Gips. Sie zündet es an.
Das Feuer zischt nicht wie Holz. Es knistert wie
Haut. Die Seiten lösen sich nicht, sie
schrumpfen zu schwarzen Blättern, die wie Flügel
fallen. Und als das letzte Papier zu Asche wird,
fällt ein kleiner Metallknauf aus dem Einband –
ein Anhänger, den ihr Mann immer trug: ein
verziertes Eisenkreuz, das niemand mehr
herstellt. Nicht mehr seit 1916.
Am nächsten Morgen bringt der Pfarrer den Knauf
in die Kirche zurück. Er legt ihn unter den
Altar. Niemand sagt etwas. Aber drei Bauern aus
dem Tal verschwinden. Keiner kommt zurück.
Die Wirtin verkauft den Wirtshausboden. Zieht in
die Kammer.
Niemand fragt, warum sie jetzt jeden Abend das
Fenster öffnet – auch wenn der Wind aus dem
Norden kommt und den Geruch von verbranntem
Papier und altem Blut trägt.
Die Gemeinde schweigt.
Aber die Alpen hören.


