Im Winter 1931, nach dem Zusammenbruch der

Monarchie und vor dem Aufstieg der Heimwehr,

zieht sich die Wiener Oberschicht in die Alpen

zurück — nicht zur Erholung, sondern zur

Verschwörung. Der alte Klosterhof von St.

Wolfgang, seit Jahrhunderten verlassen, wird zum

Maskenball der Mächtigen umgebaut. Die Kirche

hat den Raum verboten, doch niemand hört mehr

auf die Bischofsurkunden. Die Welt hat sich

geändert: Wer den alten Glauben verleugnet, darf

jetzt mit Fackeln durch die Kapelle schreiten —

und wer nicht zahlt, verschwindet im Bergwerk

unter dem Hof.

Elisabeth, eine Bergbäuerin aus dem Ennstal,

reist nach Wien, um ihren Sohn Josef zu finden,

der als Hilfsarbeiter im Bau des neuen

Reichsverkehrsnetzes verschwunden ist. Sie trägt

kein Kostüm, nur den Rock ihrer toten

Schwiegermutter und ein Bündel Brot. Die Stadt

kennt sie nicht, doch die Geheimdienstler im

Café Museum wissen, wer sie ist: die Frau, die

nach ihrem Sohn fragt. Sie wird nicht verhaftet.

Sie wird eingeladen.

Am Abend des Maskenballs, als die letzten

Schneeflocken die Fenster der Kapelle bedecken,

betritt sie den Saal. Alle tragen Gesichter aus

Gold und Holz — die Gesichter der Habsburger,

der Industriellen, der Geistlichen. Niemand

spricht. Nur die Musik: ein verstimmt gespieltes

Ländler aus dem Jahr 1898. Sie geht durch die

Reihen, bis sie Josef findet — halb verhungert,

in einem Sack aus Sackleinen, an der Wand

gebunden. Seine Augen sind auf sie gerichtet. Er

weiß nicht, wer sie ist.

Ein Mann in der Maske eines Kaisers tritt vor.

Er hält einen Schlüssel — den zum Bergwerk, das

jetzt als Gefängnis dient. „Wer hier aufhört, zu

fragen, bleibt am Leben“, sagt er. Elisabeth

zückt das Bündel. Darin liegt kein Brot. Es ist

der letzte Brief ihres Mannes, der im Krieg

starb — mit einem Namen, den niemand mehr

aussprechen durfte: der des Bischofs, der die

Kinder in die Gruben schickte.

Sie reißt den Brief entzwei. Die Asche rieselt

auf den Boden. Die Musik verstummt. Ein Schuss

kracht — nicht auf sie, sondern auf den Kaiser.

Der Mann stürzt. Sein Gesicht bricht. Es ist der

Bürgermeister von Salzburg.

Niemand rührt sich. Keiner weint. Keiner flieht.

Am Morgen liegt Josef in einem Bett der

Klosterklinik, still, mit einer warmen Decke.

Elisabeth ist verschwunden. In ihrem Rock findet

man ein Stück Holz — geschnitzt, wie es die

Bergbauern tun: ein Kreuz mit einem Kind

darunter.

Die Kirche schließt den Hof wieder. Niemand

spricht vom Maskenball. Doch in den Dörfern der

Obersteiermark beginnen Mütter, ihre Söhne nicht

mehr nach Wien zu schicken. Sie schauen in die

Berge. Sie wissen jetzt: Die Macht hat keine

Maske. Sie hat nur ein Gesicht — und es ist das,

das man nicht sieht, bis man es opfert.