Im Herbst 1923 betritt Johann Haas, ehemaliger
Feldwebel der k.u.k. Infanterie, den verlassenen
Bauernhof seiner Kindheit in Mittersill. Seine
linke Hand ist abgehackt, sein Blick bleibt an
den Wänden hängen, als sähe er noch die Schüsse
aus dem Isonzo. Die Republik hat ihn entlassen,
die Kirche hat ihn verurteilt, die Nachbarn
nennen ihn „den Toten, der atmet“.
Seit drei Jahren schläft er in der Scheune,
frisst Brot mit Salz, trinkt selbstgebrannten
Schnaps aus der Kellerflasche, die sein Vater
vor dem Krieg eingelagert hat. Doch in der
dritten Nacht, als der Mond durch das Loch im
Dach fällt, berührt er zufällig den alten
Holzriegel hinter dem Heu — und die Wand gleitet
auf. Dahinter: ein Steinbogen, mit Runen aus der
Zeit Karls des Großen gemeißelt, die in der
Region nur noch die Bergbauern kennen.
Die Regeln sind still, aber unerbittlich: Wer
die Tür öffnet, muss einen Moment aus seiner
eigenen Vergangenheit opfern, um einen anderen
zu erleben. Nichts anderes. Kein Geld, kein Heil,
kein Rückkehr. Nur Austausch.
Johann tritt ein.
Er steht wieder auf dem Hof von 1912. Sein Vater
pflügt mit den Ochsen, seine Schwester singt ein
Volkslied vom Ennsufer. Er greift nach ihrer
Hand — und spürt, wie etwas in ihm reißt: die
Erinnerung an den ersten Tod eines Kameraden im
Karst. Er weint. Die Luft riecht nach Heu und
Feuchtigkeit.
Er kehrt zurück. Die Scheune ist kälter. Sein
rechter Zeigefinger ist weiß, leblos.
Im nächsten Mondzyklus betritt er die Tür erneut.
Diesmal: 1908. Die Kaiserin feiert den Namenstag
in Salzburg. Er sieht seinen Großvater, wie er
vor dem Gasthaus einen Soldaten mit Brot
versorgt — einen Mann, der später als
Sozialdemokrat erschossen wird. Johann greift
nach seinem Arm. Der Großvater dreht sich um. Er
kennt ihn nicht. Aber er lächelt.
Johann kehrt zurück. Sein linker Arm ist
erstarrt.
Er versucht es ein drittes Mal. 1899. Die Kirche
in Mittersill brennt noch nicht. Seine Mutter
hält ihn als Kind auf dem Schoß, singt das Lied
von der Schneekrone. Er spürt, wie warm sie ist.
Er weint laut.
Als er zurückkommt, liegt er auf dem Boden. Sein
Gesicht ist eingefallen. Die Hände sind kalt.
Die Tür schließt sich von selbst.
Am Morgen findet ihn der Pfarrer. Er trägt
Johanns altes Kreuz um den Hals — das er selbst
vor zwanzig Jahren verloren hatte.
Der Bauer von Mittersill stirbt am Tag danach.
In seiner Tasche: ein Stein mit Runen, der nie
zuvor dort war.
Und im Dorf, drei Tage später, beginnt ein alter
Mann, ein Lied zu singen — das niemand mehr
kannte.
Niemand erinnert sich, wer es ihm beigebracht
hat.
Nur die Kinder hören zu.
Und in den Bergen, wo die Alpen ihre Geheimnisse
stillhalten, schweigt der Wind.


