Im Labor der Technischen Universität Wien, im
Herbst 1928, baut ein junger Physikstudent
namens Karl Hintermann an einer Theorie, die die
Zeit als Flüssigkeit begreift. Seine Professoren
nennen ihn naiv, doch er ist überzeugt: Die Welt
kann nicht mehr so bleiben, wie sie ist. Sein
Laborraum ist voller Spulen, Kondensatoren und
Notizen in schwarzem Tinte, die nur er versteht.
Eines Nachts, während eine Demonstration gegen
die steigenden Strompreise in der Innenstadt
tobt, fällt ihm ein Fehler auf – ein winziger
Defekt in der Stromversorgung seines
Experimentiermodells. Er korrigiert ihn, doch
stattdessen öffnet sich eine Tür, die nie da war.
Hinter ihr liegt eine leere, kalte Halle mit
einem riesigen Apparat, der sich rhythmisch
zusammenzieht und ausdehnt. Es ist keine
Maschine, sondern ein Organ. Ein Herz.
Karl berührt es. Die Wände des Raumes beginnen
zu flimmern. Er spürt, wie seine Gedanken in
einen anderen Körper fließen – in einen Mann,
der in einem fremden Jahrhundert lebt. Er wacht
in einem Zelt auf, umgeben von Soldaten, deren
Uniformen grün sind und deren Sprache er nicht
versteht. Die Luft riecht nach Metall und
Schweiß. Er hat sich selbst in die Zukunft
versetzt.
Die Maschine ist kein Werkzeug, sondern ein
Lebewesen. Sie verschluckt ihn, formt ihn um,
bis er nicht mehr weiß, ob er Karl Hintermann
oder jemand anderes ist. Jeder Versuch, sie zu
deaktivieren, führt dazu, dass ein Teil seiner
Existenz in der Zeit zerbricht. Er verliert
Erinnerungen. Dann Namen. Dann das Gefühl,
jemals allein gewesen zu sein.
Als die ersten Bomben in Wien fallen, bleibt
Karl in der Halle zurück. Er weiß, dass er
niemals wiederkehren wird. Doch in seinem Herzen,
wenn er noch eines hat, schwört er, die Maschine
zu zerstören – selbst wenn das bedeutet, sich
selbst zu töten.
Die Halle verschwindet. Die Stadt brennt. Und in
den Ruinen, wo einst ein Labor stand, blüht eine
Blume, die niemand je gesehen hat.


