Im Winter 1957, als die letzten Holzöfen in den

Hütten der Gasteiner Talhänge erlöschen,

installiert die Republik im GroßglocknerTunnel

eine Funkstation namens „Alpenwächter“. Sie

sendet keine Nachrichten — sie unterdrückt sie.

Jedes Funkloch zwischen Zell am See und Bad

Reichenhall wird zum Schweigen gezwungen. Wer

den Tunnel passiert, vergisst, was er vorher

wusste. Die Regierung nennt es

„Nachkriegsreinigung“. Die Bergbauern nennen es

„das Gedächtnisverbot“.

Die couragierte Journalistin, Marianne Hofer,

arbeitet für die „Wiener Allgemeine“, doch ihr

Schreibtisch steht neben der Küche, wo sie die

Kriegsberichte ihrer Mutter aus dem Salzburger

Oberland liest — Briefe, die nie abgeschickt

wurden. Sie weiß: In St. Johann im Pongau

verschwanden 1945 sieben Soldaten, die einen

Lagerplan für jüdische Flüchtlinge versteckt

hatten. Niemand spricht davon. Nicht mehr.

Als sie mit einem alten Radiosender in den

Tunnel fährt, um das Signal zu stören, bemerkt

sie: Der Empfang ist nicht kaputt. Er wird

gezielt gelöscht. Ein Mann in Zivil, mit der

Dienstmarke „Bundesamt für

Kommunikationsstabilität“, zwingt sie, den

Sender zu zerbrechen. Sie weigert sich. Er

drückt den Knopf am Tunnelportal — ein leises

Summen, dann ein Klicken. Sie spürt, wie etwas

in ihrem Kopf abschaltet. Sie erinnert sich

nicht mehr an ihren Vater. Nur an sein Lächeln.

An den Geruch von Holzrauch. An den Namen:

„Johann“.

Zwei Tage später findet man sie in der Kapelle

von Bad Gastein, vor einem Grab ohne Namen. In

ihrer Tasche: ein Band mit der Stimme einer Frau,

die sagt, sie habe die Namen der Verschwundenen

aufgenommen — vor dem ersten Testlauf der

Station. Die Behörden erklären es für

„psychotische Einbildung“. Die Kirche verbietet

die Wiedergabe. Die Zeitungen schweigen.

Marianne verschwindet am Tag, an dem die letzte

Holzofenherstellung in Mittersill eingestellt

wird. Ein Bauer sagt später, er habe sie gesehen

— mit dem Band unter dem Mantel, hinauf zum

Gipfel, wo der Wind nie stillsteht. Kein

Funkgerät erreicht sie mehr. Kein Radio. Kein

Telefon. Nur der Wind, der noch die alten Namen

trägt.

Die Station läuft weiter. Die Tunnelwände

schlucken Stimmen. Die Leute lernen, nicht mehr

nachzufragen. Aber in jedem Dorf, wo noch ein

altes Radio steht, flüstert jemand den Namen

„Johann“ — und hält die Hand vor den Mund. Die

Traditionskonflikt ist nicht mehr zwischen

Parteien. Er ist zwischen Erinnern und Vergessen.

Und das Verbot ist kein Gesetz. Es ist ein Klang,

der in den Knochen bleibt.

Das letzte Funkloch der Alpen hat sich

geschlossen. Aber die Erinnerung? Die fließt

durch die Felsen. Und wartet.