Nach dem Krieg hält das Dorf Mittersill den Atem
an. Die Bergbahnen liegen brach, die Schächte
sind verriegelt, die letzten Züge nach Salzburg
stehen still — seit die letzte Postkarte aus
Wien im Winter ’47 mit einem blauen Fleck aus
rostigem Blut ankam. Der melancholische Dichter,
einst Hofdichter am Burgtheater, sitzt jetzt in
der leeren Bibliothek des ehemaligen Gasthofs,
seine Hände zittern nicht vor Alter, sondern vor
der Angst, die Worte nicht mehr zu finden. Er
schreibt jeden Abend einen Brief an seine
Tochter, die im Herbst ’45 mit den anderen
Kindern starb — nicht an der Grippe, nicht an
Unterernährung, sondern an etwas, das die Ärzte
nicht benennen durften. Die Krankheit frass die
Lungen, ließ die Haut blau werden, und
verschwand, als die Alliierten die Minen
schlossen.
Die Welt hat sich verändert: Die Bergbahnen
waren nicht nur Transport, sie waren Luft. Die
Kohle aus den Schächten trug ein Mineral, das
die Lunge reinigte, das die Kinder atmeten, das
die Alten heilte. Ohne sie ist die Luft giftig.
Die Republik hat es verboten, darüber zu
sprechen. Wer fragt, verschwindet in der Akte
„Bergkrankheit — militärisch sensibel“.
Als im Frühjahr ’49 der erste Zug mit
italienischen Arbeitern einfährt — für den
Neuaufbau der Straßen, für die neue Elektrizität
—, kehrt die Krankheit zurück. Ein Kind aus dem
Tal hustet Blut auf den Bahnhofsboden. Die Ärzte
kommen nicht. Die Post bleibt liegen. Der
Dichter packt seinen letzten Brief in eine
Blechdose, steckt sie in die Tasche, und geht
hinauf zum alten Schacht. Er weiß, was darin
liegt: die letzten Schriftstücke der
Bergwerksärzte, die beschrieben, wie die Luft
verändert wurde, wie die Macht das Mineral
verbot, weil es den Menschen zu stark machte.
Er findet die Kassette unter den Trümmern, noch
intakt. Die Seiten sind mit Bleistift
beschrieben, nicht mit Tinte — damit sie nicht
verblasst. Er liest, wie die Krankheit nicht
ausbrach, sondern ausgelöst wurde. Als er die
letzte Seite berührt, spürt er, wie die Dose
heiß wird. Nicht von der Sonne. Von etwas, das
darin lebt.
Er geht zurück ins Dorf. Setzt sich auf die Bank
vor der Kirche. Schreibt nicht mehr. Hält die
Dose an die Brust. Die ersten Züge der neuen
Bahn fahren durch das Tal — mit Lautsprechern,
die Opern aus Wien spielen. Die Kinder auf den
Straßen husten nicht mehr. Sie lächeln.
Er stirbt, bevor der erste Brief der neuen Post
ankommt.
Die Dose verschwindet.
Die Krankheit bleibt.
Die Luft nicht mehr.


