Die Frau, Anna Wimmer, stieg vom Zug in St.
Wolfgang ab, drei Jahre nachdem ihr Mann im
Kaukasus verschwand. Der Berg, der einst das
Dorf umarmte, hing nun schwer über den Häusern
wie eine Schuld, die niemand aussprach. Die
Kirchturmspitze war abgebrochen, das
Gemeindehaus ein Trümmerhaufen mit einem neuen
Schild: „Genossenschaft für
Lebensmittelverteilung“. Wer nicht mitmachte,
bekam keinen Mehlzuschlag.
Sie zog in das Haus, das ihr Mann verlassen
hatte — jetzt bewohnt von einem Mann mit einer
neuen Parteikarte und einem alten Gewehr im Flur.
Er nannte sich Josef K., sagte, er sei ihr
Nachbar gewesen, bevor er in der Wehrmacht
diente. Keiner widersprach. Die Kinder, die
früher mit ihr auf die Alm gingen, schauten
jetzt durch die Fenster, als wäre sie ein
Fremdkörper aus einer Zeit, die man vergraben
musste.
Dorfklatsch war kein Geplauder mehr, sondern
eine Währung. Wer den Bäcker half, den bekam
Brot. Wer den Parteikreis über die vermissten
Juden aus dem Tal informierte, bekam Zucker.
Anna sah, wie der Pfarrer den Namen einer Frau
aus dem Taufbuch strich, nachdem sie mit einem
Soldaten aus Salzburg verschwand. Niemand fragte,
wo sie war. Die Kirche hatte ein neues Gebet:
„Gib uns das Brot, das wir heute brauchen — und
vergiss, was wir wissen.“
Der Schattenpakt begann, als Josef K. ihr sagte,
er habe ihren Mann in einem Lager gesehen —
lebend — und dass er ihn retten könnte. Für eine
Kuh. Für zwei Säcke Mehl. Für ihr altes
Hochzeitskleid, das sie unter dem Bett verbarg.
Sie gab es. Er nahm es. Sie hörte, wie er es am
nächsten Tag in der Dorfschänke zeigte, als
Beweis, dass er „mit der Vergangenheit aufräumt“.
Niemand lachte. Alle nickten.
Ein Winter, der nicht enden wollte. Der letzte
Bergbauer starb an Typhus, weil er kein
Penicillin bekam — es war nach Wien geschafft,
für die Parteifunktionäre. Anna ging in die
Scheune, fand den Sack mit den Briefen ihres
Mannes, die sie nie geöffnet hatte. Sie zündete
sie an. Die Flammen leuchteten rot wie die
Fahnen, die jetzt am Rathaus wehten. Sie wusste:
Er war tot. Josef K. wusste es auch. Er kam
nicht mehr zum Haus.
Am Tag der Volksabstimmung, als Österreich sich
selbst an Deutschland verkaufte, stand Anna vor
dem Friedhof. Sie legte einen Stein auf das
leere Grab ihres Mannes. Kein Name. Kein Datum.
Nur ein Stein. Die Kinder aus dem Dorf sahen zu.
Keiner sagte etwas. Der Wind trug den Duft von
frisch geschnittenem Holz — von den neuen,
politisch korrekten Särgen, die man jetzt aus
dem Wald holte, nicht mehr aus dem Berg.
Sie zog nach Linz. Niemand fragte, warum.
Die Alm blieb leer.
Die Dorfklatsch war jetzt ein Gesetz.
Und sie, die Frau, die den Berg nicht mehr
kannte, wusste:
Was man nicht verbrannte, wurde zur Waffe.


