Die Frau aus dem Bergwald, die seit ’45 die
Wunden der Almbauern mit Salbei und Mohnöl heilt,
hält im Keller ihrer Holzhütte ein
siebenjähriges Mädchen, das nicht sprechen kann
und keine Namen kennt. Niemand weiß, dass es aus
Mauthausen kam — nur dass es unter dem Leintuch
liegt, das einst einer SSArztfrau gehörte.
Der Pfarrer aus St. Wolfgang hat die
Kirchenbücher verbrannt, doch er lässt die
Frauen des Dorfes nicht mehr ins Kirchgartenhaus,
wenn sie Kräuter holen. „Wer das Unreine berührt,
wird vom Herrn verlassen“, sagt er am Sonntag,
während die Glocken über den See schallen. Die
Frauen halten den Blick senkrecht, doch am Abend
schleichen sie zur Hütte, bringen Mehl, Salz,
ein Paar Stiefel — und sehen nicht hin, wenn das
Kind auf dem Boden zittert.
Ein Bergarbeiter aus Gmunden bringt ein Paket
mit Knochen, die er im Wald fand: Kinderzähne,
kleine Schuhsohlen. Die Gemeinde schweigt. Die
Polizei kommt nicht. Die Kirche sagt: „Ein
Unfall.“ Die Frau legt die Zähne neben das Kind,
deckt sie mit Thymian zu.
Am Tag der Volksschulfeier, als alle Kinder in
weißen Kleidern die Hymne singen, stiehlt die
Kräuterfrau ein Stück der Schulbank — aus Eiche,
mit eingraviertem Namen: „Elisabeth M.“ Sie
schneidet es in Stücke, vermischt es mit Wurzeln,
kocht es zu einer Suppe, die das Kind schluckt,
ohne zu würgen. Am Abend weint es zum ersten Mal.
Nicht laut. Nur Tränen, die in den Falten ihrer
Hände versickern.
Am nächsten Morgen brennt die Hütte. Die Frau
ist verschwunden. Das Kind liegt auf dem Boden
der Kapelle, neben dem Altar, umgeben von Blumen,
die niemand geschnitten hat. Die Kirche schließt
die Türen. Die Polizei nimmt den Brand als
„Unfall mit Heimlichtuerei“ ab.
Die Dorfbewohner essen am Abend Suppe aus der
Küche des Pfarrers. Niemand fragt, warum die
Suppe nach Thymian und verbranntem Holz schmeckt.
Das Kind spricht nicht. Aber es hält die Hand
der alten Bäuerin, die es gefunden hat, fest —
wie ein Versprechen, das nie ausgesprochen wurde.
Die Kräuterfrau bleibt vermisst.
Die Kirche sagt: „Gott hat sie genommen.“
Das Dorf sagt: „Es war nicht unser Kind.“
Aber in den Kellern der Almhütten, wo die Frauen
nachts das Feuer löschen, um nicht gesehen zu
werden, legen sie ein Stück Eicheholz neben das
Brot — und beten nicht. Sie schweigen. Und
wissen:
Manchmal heilt das, was man nicht benennen darf.


