Der Schnee hält den Zahn der Zeit an. Im März
1947 fällt er nicht mehr als Pulver, sondern als
Mauer, verschließt den Zugang zum Tal von St.
Georgen am Katschberg. Der letzte Weg nach unten
ist zugefroren, die Post kommt nicht mehr.
Hans Weißner, der einzige noch lebende Sohn des
letzten Bauernhauses, findet bei einem
Schneepoliergang unter einer Felskante eine
verrostete Blechkiste. Darin: ein Foto von zwei
Kindern vor einem alten Gipfelkreuz. Keine Namen.
Nur ein scharfer Schnitt durch die Mitte. Sein
eigener Gesichtsausdruck – aber jünger.
Am nächsten Tag bricht ein Kurier aus Salzburg
ein. Er tritt auf die Veranda, ohne zu klopfen.
„Sie haben etwas, das nicht hierher gehört“,
sagt er. Keine Worte mehr. Nur die Hand, die
sich um die Tasche legt. Dann: ein Knall hinter
dem Holzschuppen. Die Kugel trifft die Tür. Hans
flieht in den Stall. Der Kurier bleibt liegen –
blutend, doch mit einem Lächeln, als ob er
erlöst wäre.
Drei Tage später kommt die Polizei. Sie schlägt
das Foto ab, fragt nach einer Familie namens
Eder. Keiner hat sie je gekannt. Doch die Akten
zeigen: die EderBrüder waren im Krieg
Kommunisten. Ihre Hütte brannte 1945. Kein
Überlebender. Aber das Foto – es wurde 1938
aufgenommen. Vor der AnschlussAufregung.
Hans stellt fest: sein Vater hat nie von der
Familie gesprochen. Doch der alte Schemel im
Wohnzimmer zeigt Spuren eines anderen Namens –
eingraviert unter der Tischplatte.
Am Abend des vierten Tages bricht der Schnee.
Ein Riss im Eis unter der Brücke. Der Fluss,
bislang still, rauscht durch das Tal. Hans steht
auf der Lichtung, das Foto in der Hand. Er sieht
die Kinder. Er sieht sich. Und er weiß: dieser
Moment war nie sein.
Er wirft das Bild in den Fluß. Es treibt davon.
Der Wind nimmt ihm den Atem.
Am nächsten Morgen ist kein Schnee mehr. Nur
Wasser. Und die erste neue Blume, die zwischen
den Steinen wächst.


