Der Winter 1952 bricht mit schneegeschwängerten

Himmel über das Dorf St. Albin nieder, wo der

letzte Schacht des Bergwerks vor drei Jahren

zugeschüttet wurde. Die Bauern ziehen ihre

Mäntel enger, nicht vor Kälte, sondern vor dem

Wissen: kein Kohlepreis mehr, kein Ausweg. Der

Aufbau steht still, die Kinder gehen ohne Schuhe

zur Schule, und jeder Blick nach Wien fühlt sich

wie eine Entlassung an.

Einige Tage später erscheint sie – eine Frau

mittleren Alters, Mantel aus grauem Wollstoff,

Reisetasche aus Leinwand, kein Brief, kein Name.

Sie wird bei der alten Fehmingerin untergebracht,

deren Sohn im Krieg vermisst blieb. Keiner fragt

nach ihrer Herkunft. Nur der Bäcker merkt, dass

sie die selben Sätze sagt wie seine verstorbene

Schwester – dieselbe Formulierung beim Brotkauf:

„Gib mir das, was noch hält.“

Am dritten Tag nach ihrem Eintreffen stößt ein

Junge auf einen abgenutzten Holzbehälter im

Keller der Fehmingerin. Er öffnet ihn. Darin:

ein Heft, beschrieben in verschmielter Tinte,

mit Zeichnungen von Minenplänen, und darunter:

eine Liste mit Namen. Zwei davon sind identisch

mit jenen, die auf den Grabsteinen im

Dorffriedhof stehen – Männer, die niemals im

Krieg waren.

Drei Nächte danach kriecht ein junger Mann durch

die Nebel des Talgrundes, um die Pforte zu

öffnen, die seit 1945 geschlossen ist. Sein

Vater war einer der letzten Schachtarbeiter. Er

hat die Zahl der Toten nie erfahren. Jetzt sieht

er sie: neun Namen, alle gefallen in einer Nacht

im Februar 1943, alle angeblich bei einem

Luftangriff – aber die Bomben fielen erst fünf

Monate später.

Die Dorfgemeinde versammelt sich am Sonntag im

Gemeindesaal. Keine Rede, kein Wort. Nur die

Frau aus der Fremde steht vor dem alten

Projektionsapparat, den man für Flugblätter

benutzt hatte. Sie schaltet ihn an. Ein Film

läuft. Kein Ton. Bilder: Männer in

Arbeitsanzügen, schieben Wagen in einen dunklen

Tunnel. Dann: ein dumpfer Knall. Ein Licht. Und

dann – die gleichen Gesichter, wiederholt,

eingefroren in der Hitze der Explosion. Nicht

aus dem Krieg. Aus der Mine. Im Stillen. Während

die Welt draußen brannte.

Die nächste Nacht brennt das Dorf. Nicht das

Haus der Fehmingerin. Sondern der alte Schacht.

Eine Lache aus Öl fließt vom Abgang. Jemand hat

die Gasleitung durchgeschnitten. Die Flammen

lecken in die Tiefe, als wollten sie etwas holen.

Am nächsten Morgen findet man die Frau nicht

mehr. Nur ihre Tasche, offen. In ihr: ein Brief.

Kein Absender. Nur vier Zeilen: „Ihr habt nicht

gewusst, dass ihr nicht allein seid. Ihr habt

nie gelernt, zu fragen. Das ist euer Geheimnis.

Und euer Fall.“

Die Gasse bleibt leer. Kein Gerede. Kein Protest.

Nur ein Schweigen, tiefer als je zuvor.

Und doch: am 1. April wird der erste

Arbeitsschichtplan neu geschrieben. Ohne den

Namen des alten Betreibers. Mit einer neuen

Nummer. Und einem neuen Vermerk: „Kein Einsatz

ohne Genehmigung des Dorfausschusses – gemäß

§18a des Aufbaugesetzes.“

Das Gesetz war nie da.

Aber es wird jetzt befolgt.