Der alte Josef Hinterhuber steht am Rand des
abgeholzten Almgeländes, wo die Schneewehe bis
zu den Fenstern der Hütte reicht. Sein Bruder
Franz, der seit ’45 verschwunden ist, hat ihm
alles hinterlassen – Land, Vieh, den
Schutzschein des Pfarrers, und ein Dokument, das
nicht im Grundbuch steht. Es ist kein
Erbschaftsvertrag, sondern ein handschriftlicher
Brief mit einem Datum: 12. April 1945. Darin
steht: „An Maria K., geb. Wimmer, Tochter des
Hauptsturmführers.“
Josef hat nie über den Krieg gesprochen. Aber er
hat gesehen, wie die SSMänner im Winter die
Hütte nutzten – nicht zum Jagdvergnügen, sondern
zum Verstecken. Die Kellertür, die er seit
Jahren mit Stein und Lehm verschlossen hat, ist
nicht verschlossen. Er öffnet sie. Darin liegen
drei Kinderstiefel, eine rote Strickmütze, und
ein Zettel mit einem Namen, den er nicht kennt:
„Lieselotte“. Die Mütze ist aus Wolle, die nur
aus der alten Garnfabrik in Graz kam – vor ’44
eingestellt. Die Kinderstiefel sind zu klein für
ein Kind von ’45. Sie gehören zu einem, das nie
geboren wurde.
Am Morgen kommt sie – die Erbin. Maria K. aus
Wien, mit einem Koffer aus Leder, das nach
Parfüm und Tabak riecht. Sie sagt nicht, dass
sie den Brief gelesen hat. Sie sagt nur: „Ich
komme, weil mein Vater mir nichts hinterlassen
hat – außer diesem Ort.“ Josef schweigt. Er gibt
ihr die Schlüssel. Aber er nimmt den Brief mit.
Am Abend brennt er ihn in der Ofenklappe. Die
Asche bleibt nicht im Ofen. Sie fliegt durch das
Fenster – hinaus in den Wind, der vom
Großglockner herunterweht.
Sie bleibt drei Tage. Sie putzt die Stube, zählt
die Rinder, fragt nicht nach dem Vater. Am
vierten Tag findet sie die Kellertür offen. Sie
steigt hinunter. Sie findet die Stiefel. Sie
nimmt die Mütze. Sie schreibt keinen Brief. Sie
geht am frühen Morgen, ohne Abschied. Josef
sieht sie vom Berg aus verschwinden – den Weg
hinunter, wo früher die Straßenbahnen der Stadt
nicht hinkamen.
In der Nacht fällt der letzte Schneebalken vom
Dach. Er kracht auf den Steinhaufen, wo einst
die Leichen der Vertriebenen begraben wurden –
nicht von Josef, aber mit seinem Wissen. Der
Pfarrer aus der nächsten Gemeinde kommt am
nächsten Tag. Er sagt nichts. Er legt einen
Brief auf den Tisch: „Der Staat hat die
Entschädigungsakten freigegeben. Maria K. ist
offiziell die Erbin. Sie hat nichts gewusst.“
Josef brennt auch diesen Brief. Die Asche
vermischt sich mit der alten.
Keiner spricht davon. Aber im Dorf weiß jeder.
Die Mütze hängt seitdem im Fenster der neuen
Hütte – nicht von Maria, nicht von Josef. Von
einem Kind, das nie zur Welt kam. Und der Wind,
der durch die Berge fährt, trägt jetzt einen
Namen, den niemand mehr ausspricht. Nur die
Schneeflocken flüstern ihn – leise, als ob sie
sich entschuldigen müssten.


