Im Mai 1951 schneit es noch in den Hängen
oberhalb von Kitzbühel, als die Journalistin
Anna Lienz mit dem letzten Bus ins Tal fährt –
ihr letzter Zugang zu einem Dorf, das seit drei
Wochen keinen Fremden mehr duldet. Der
neunjährige Josef Hinterhofer ist verschwunden,
nachdem er am Morgen mit einem Sack Kartoffeln
Richtung Alm aufgebrochen war. Die Mutter weint
still, der Pfarrer betet laut, der Bürgermeister
sagt: „Die Berge nehmen, wer sie stört.“
Anna kennt die Regeln: Kein Journalist betritt
das Tal seit ’47, wenn der Bergbauernverband die
alten Hütten als „Heimatstätten“ umfunktioniert
hat – und die Behörden die Suche nach vermissten
Kindern unter dem Deckmantel der „Rückkehr zur
Ordnung“ einstellten. Doch Anna hat einen Brief
aus Wien: ein Zettel mit der Handschrift ihres
Bruders, der im Lager Mauthausen starb – und der
letzte Satz lautet: „Sie brachten sie nach
Sölden, bevor sie die Wände verputzten.“
Sie geht allein hinauf zur alten Hütte am
Gschwandtner Sattel, wo die Luft nach Kalk und
verbranntem Holz riecht. Unter den Holzdielen
findet sie einen Holzkasten mit einem
Kinderstiefel, einem abgebrochenen Zinklöffel –
und einem Zettel mit der Nummer 17. Sie weiß:
1944 transportierte die SS hier 17 Kinder aus
Wien, um sie als „arische Erbstücke“ in Tiroler
Familien zu verstecken. Die Dorfbewohner wussten.
Sie haben geschwiegen, weil das Schweigen sie
vor dem Verlust ihrer neuen Idylle bewahrte.
Am Abend bringt sie den Stiefel zur
Gemeindehalle. Die Frauen sitzen still, die
Männer rauchen in der Ecke. Der Bürgermeister
steht auf. „Sie wissen nicht, was Sie da
anfassen.“ Sie legt den Zettel auf den Tisch.
„Ich weiß, wer Josef hat.“
Drei Stunden später wird sie in der Scheune
gefunden, bewusstlos, mit gebrochenem
Schlüsselbein. Der Stiefel fehlt. Der Zettel
nicht. Die Dorfbewohner haben ihn nicht
versteckt – sie haben ihn verbrannt. Die
Feuerstelle hinter der Kirche ist noch warm.
Am Morgen erscheint die Polizei nicht. Die Post
ist abgeschnitten. Anna schreibt mit der linken
Hand: „Sie haben nicht nur Kinder verschwinden
lassen. Sie haben sich selbst als Heimat
verkauft.“ Sie fährt mit dem ersten Bus nach
Innsbruck – ohne den Stiefel, ohne Josef, ohne
Hoffnung. Doch in ihrem Koffer liegt ein
weiterer Zettel, den sie im Schuh des Jungen
fand: „Ich bin nicht verloren. Ich bin hier.“
Die Idylle bleibt intakt. Nur Anna weiß jetzt:
Die Berge tragen nicht nur Almweiden. Sie tragen
auch die Leichen, die niemand vermisst.


