Im Herbst ’49, als der letzte Schnee vom Dach
der Almhütte geschippt war, stieg der
melancholische Dichter aus Wien nach Mittersill
hinab — nicht zur Heimat, sondern zur Schuld.
Sein Nachbar, der Bauer mit den gebrochenen
Zehen, war im Januar verschwunden, nachdem die
Rote Armee sein Vieh beschlagnahmt und seine
Tochter nach Salzburg deportiert hatte. Niemand
sprach davon. Nur er schrieb es in Notizbücher,
die niemand las.
Er melkte die Ziege. Nicht aus Mitleid. Aus
Pflicht. Die Gemeinde hatte beschlossen: Wer das
Vieh behält, trägt die Schuld. Und er, der
ehemalige Frontdichter, hatte die Unterschrift
unter den Enteignungsbescheid gesetzt. Die Ziege,
ein altes Tier mit einer Narbe am Hals, gab nur
noch zwei Liter am Tag — milchig, aber mit einem
metallischen Beigeschmack, den die Frauen nicht
mehr tranken.
Am dritten Tag fand er das Blut. Nicht in der
Milch, sondern in der Schale, als er sie
abwischte: dunkel, zäh, mit dem Geruch von
verbranntem Eisen. Er erkannte es. Es war das
Blut von Hauptmann Rainer, den er im Februar ’45
in der Kaserne von Innsbruck erschossen hatte —
nicht als Soldat, sondern als Zeuge. Rainer
hatte die Dorfbewohner in den Keller gesperrt,
bevor er sich selbst erschoss. Der Dichter hatte
ihn niedergestreckt, um die Kinder zu retten.
Niemand wusste es. Niemand fragte.
Die Alm war kein Ort mehr. Sie war ein Ritual.
Jeden Morgen, bevor die Sonne die Gipfel
berührte, trat er an die Ziege, zog die Schale
unter den Euter — und sah das Blut. Es war nicht
das Blut der Ziege. Es war das Blut der Schuld,
die das Gesetz der Bergbauern verlangte: Wer
Blut vergoss, muss es trinken. Wer schweigt,
wird zur Wand. Wer schreibt, wird zum Toten.
Er trank es. Nicht aus Buße. Aus Verzweiflung.
Jeden Tag. Bis seine Zunge nicht mehr schmeckte.
Bis seine Hände nicht mehr zitterten. Bis er am
23. Oktober, dem Tag, an dem die
Besatzungsmächte endlich die Grenzen schlossen,
in der Hütte lag — die Milchschale noch in der
Hand — und nicht mehr aufstand.
Die Ziege starb drei Tage später. Ohne Grund.
Ohne Krankheit. Die Gemeinde begrub sie neben
dem Brunnen. Kein Kreuz. Kein Name. Nur eine
Steinplatte, auf die niemand mehr blickte.
Der Dichter blieb. Nicht als Leiche. Als Stille.
Seine Notizbücher fand man nicht. Aber die
Milchschale — leer, aber rot — hing noch an der
Wand. Und niemand wagte, sie abzunehmen.


