Im Frühjahr 1926, mitten im UmbruchzeitFlüstern

zwischen Republik und drohendem Faschismus,

betritt Elisabeth Hinterhuber den Palaisball im

Wiener Burgtheater — nicht als Frau, sondern als

„Herr von Glatz“, ein vermeintlicher Pensionär

aus der Steiermark. Ihre Maske ist kein Kostüm,

sondern eine Waffe: Sie trägt den Uniformrock

ihres verstorbenen Ehemanns, eines Bergarbeiters,

dessen Leiche drei Jahre zuvor in einem

Kiesgrubenloch gefunden wurde — offiziell

„Suizid“, in Wirklichkeit erschossen vom

korrupten Beamten Johann Schmid, dem

Bezirksamtsdirektor, der ihn wegen illegaler

Kohlenlieferungen an die Sozialdemokraten

erpresst hatte. Die Welt funktioniert jetzt

anders: Die Republik zählt nicht mehr die Toten,

sondern die Ordnung. Jeder, der nachfragt,

verschwindet in den Akten oder in einem Lager.

Elisabeth weiß: Nur im Raum der Masken, wo jeder

ein anderer ist, kann die Wahrheit nicht mehr

versteckt werden.

Sie hat die Einladung gestohlen — eine einzige,

von Schmids eigener Sekretärin geschickt, in der

Hoffnung, jemand zu finden, der den „Fall“

aufklärt. Die Regeln sind hart: Wer die Maske

vor Mitternacht abnimmt, wird von der Polizei

abgeführt. Wer sie behält, bleibt unsichtbar. In

der Halle aus Kristall und Schatten, wo die

alten Adligen mit den neuen Industriellen

trinken und die Geheimdienstler zwischen Walzer

und Wagner lauschen, findet sie Schmid. Er tanzt

mit der Tochter eines SSUnterstützers, lacht zu

laut, trägt den goldenen Anstecker der Heimwehr —

den sie ihm selbst vor drei Jahren in der

Bezirksverwaltung abgenommen hatte, als er sie

bat, die Leiche zu unterschreiben. Sie nähert

sich. Er erkennt sie nicht. Sie hebt den Arm —

nicht mit einer Waffe, sondern mit einem Zettel,

den sie in den Ärmel gesteckt hat: die

Unterschrift ihres Mannes, kopiert aus einem

Brief, den er ihr nach dem Verhaftungsbefehl

noch geschrieben hatte. Sie drückt ihn ihm in

die Hand, während er einen Champagnerklaps

trinkt.

Die Uhr schlägt zwei. Die Lichter erlöschen. Ein

Mann in Uniform stürmt die Galerie — nicht

Polizei, sondern ein ehemaliger Soldat, den

Schmid als Spitzel abgezogen hatte. Er ruft:

„Wer hat die Maske abgenommen?“ Niemand

antwortet. Die Gäste schweigen. Schmid starrt

auf den Zettel. Er reißt ihn, zerreißt ihn, dann

zieht er die Maske ab — nicht aus Angst, sondern

aus Erkenntnis. Er ist der Einzige, der sie

erkannt hat. Die Polizei rückt nicht an.

Stattdessen kommt ein Dienstwagen mit schwarzen

Scheiben, und zwei Männer in grauen Mänteln

steigen aus. Sie nehmen Schmid mit. Kein Prozess.

Kein Bericht. Nur ein Brief, der drei Tage

später bei Elisabeth auf dem Tisch liegt: „Ihr

Mann war ein Verräter. Wir haben ihn beseitigt.

Sie haben ihn gerächt. Das ist jetzt Geschichte.

Sie geht zurück ins Bergdorf. Die Maske bleibt

in Wien — in einem Koffer, den sie nie öffnet.

Im Dorf fragt niemand nach dem Mann, der sie

begleitet hat. Sie arbeitet wieder in der Mühle.

Der Berg, der einst ihre Heimat war, wird jetzt

von der neuen Regierung für den Kohleabbau

verkauft. Niemand weint. Niemand spricht. Die

Stille ist jetzt das einzige Gesetz. Und sie

weiß: Die nächste Maske wird schon genäht.