Im Frühjahr 1923 stirbt der letzte Bergbauer der

Familie Kofler bei einem Einsturz im Salzachtal.

Die Tochter, Anna, erbt nichts als Schuld und

ein Haus, das die Bank bald einzieht. Der

Gemeinderat aus St. Johann, alle ehemaligen

Offiziere der k.u.k. Armee, beschließt: Sie

heiratet Johann Schmid, den traumatisierten

Veteranen, der seit dem Waffenstillstand im

Keller sitzt und nur noch das Fenster zum Schnee

anstarrt. Die Heirat ist kein Akt der

Barmherzigkeit — sie ist ein Gesetz. Jede Witwe

ohne männlichen Erben muss innerhalb von sechs

Monaten einen Kriegsinvaliden nehmen, sonst

verliert sie alles: Grund, Vieh, das Recht auf

Brot. Die Republik braucht stabile

Familienzellen, sagt der Innenminister in Wien.

Die Frauen werden zu Trägern der Ordnung.

Johann trägt die Uniform noch, aber die

Schulterklappe ist abgenäht. Er spricht nicht.

Er isst nur, wenn Anna den Teller vor ihn

schiebt. In der Nacht, nachdem sie ihn zum

ersten Mal berührt hat — nicht aus Zärtlichkeit,

sondern weil das Gesetz verlangt, dass Ehegatten

gemeinsam schlafen —, findet sie hinter der

Kachel im Schlafzimmer eine Holztafel. Darunter:

Namen. Datum. Ort. 47 Frauen. 1919 bis heute.

Jede verheiratet, jede mit einem Invaliden. Jede

aus einem Dorf, das nach dem Krieg leer wurde.

Jede, deren Land nun im Besitz der neuen

Agrargenossenschaft steht, die vom

Finanzministerium gegründet wurde. Die Tafel ist

kein Tagebuch. Es ist ein Verzeichnis. Ein

Handelsregister.

Sie geht nachts zum Bahnhof von Salzburg, nimmt

den Zug nach Wien. Sie hat keine Papiere. Kein

Geld. Nur die Holztafel unter dem Mantel. Im

Hauptbahnhof wird sie von einem Polizisten

angehalten. Er nimmt ihr die Tafel ab. „Das ist

kein Beweis“, sagt er. „Das ist ein Verzeichnis

der Heimat.“ Er gibt sie ihr zurück. Lächelt

nicht. Geht weiter. Am nächsten Morgen steht

Johann vor der Tür. Er hat die Tür aufgebrochen.

Sein Gesicht ist blass. Er hält eine Pistole.

Nicht auf sie gerichtet. Auf das Fenster. Nach

draußen. Dort, wo die erste Sonne über den

Dächern der Stadt aufgeht. Er spricht zum ersten

Mal seit vier Jahren. „Sie haben uns alle

verkauft.“ Dann legt er die Waffe auf den Tisch.

Geht hinaus. Ohne sie anzusehen. Ohne

zurückzukommen.

Zwei Tage später wird Anna Kofler als Witwe

registriert. Ihr Haus bleibt ihr. Die Bank zieht

nicht ein. Die Gemeinde schickt einen neuen Mann.

Einen jungen Lehrer. Sie nimmt ihn an. Sie weiß:

Er ist der nächste. Und die Tafel ist jetzt in

der Schublade ihres Nachttisches. Mit sieben

neuen Namen.