Im Herbst 1927, mitten in der Umbruchzeit, wo
die Republik zittert und die Alpen noch keine
Touristen, sondern Geister tragen, zieht Josef
Rieder allein in den Bergort St. Wolfgang. Er
trägt kein Gewehr mehr, nur den Blick eines
Mannes, der gesehen hat, wie Menschen in
Schützengräben aufhören, menschlich zu klingen.
Sein Zimmer im alten Gasthaus riecht nach Moos,
Holzkohle und dem verbotenen Schnaps, den die
Dorfbewohner heimlich aus dem Keller holen —
denn die Kirche hat das Trinken untersagt, aber
nicht das Vergessen.
Jeden Morgen geht er zum Gletschersee, wo das
Wasser nicht mehr klar ist, sondern milchig, als
ob die Berge innen verfaulten. Die alten Bauern
murmeln von der „Eisblume“ — einem Phänomen, das
nach dem Krieg plötzlich auftrat: Wenn der
Schnee zu früh tauet, zieht sich das Gestein
zurück, und der Berg stürzt nicht — er atmet aus.
Ein Naturgewalt, die kein Mensch versteht, aber
alle fürchten. Die Regierung hat die Warnung
unterdrückt: Bergbauern, die sprechen, verlieren
ihre Felder. Wer sich wehrt, verschwindet im
Polizeibericht als „geistesgestört“.
Am 12. Oktober, als der erste Frost die Seen
einfriert, bricht die Eisblume los. Ein Riss,
breit wie eine Kirchturmspitze, öffnet sich am
Gipfel des Riedersberg. Der Berg wird nicht
stürzen — er wird sich auflösen. Ein Damm aus
Schutt und Eis wird den Talgrund überfluten, das
Dorf begraben, die neue Bundesstraße, die Wien
mit Salzburg verbinden soll, zerschmettern. Die
Behörden schicken keine Arbeiter. Sie schicken
nur einen Brief: „Keine Evakuierung. Keine
Gelder. Keine Untersuchung.“
Josef Rieder geht allein hinauf. Er hat keinen
Pickel, keinen Seil. Nur einen alten,
zerschlissenen Mantel aus der Front und die
Erinnerung an einen Kameraden, der sich selbst
in den Schützengraben geworfen hat, um eine
Granate zu decken. Er weiß: Die Welt hat ihn
nicht mehr gebraucht. Also nimmt er die Last,
die sie nicht tragen wollen.
Er legt sich auf den Riss.
Nicht, um ihn zu stoppen. Sondern um ihn zu
stillen.
Sein Körper, kalt und müde, drückt sich in die
Spalte. Der Schnee, der über ihm schmilzt, wird
zu Eis um ihn herum. Der Berg zittert — dann
verharrt. Der Riss schließt sich, als hätte er
nie existiert. Die Dörfler finden ihn am
nächsten Morgen, halb im Gletscher, halb im
Gebet. Kein Gesicht mehr. Nur ein Arm, der noch
die Mütze hält, die er von seiner Tochter
bekommen hat — bevor sie starb, an der
Spanischen Grippe, vor acht Jahren.
Die Kirche verweigert die Bestattung. Die
Gemeinde bringt ihn trotzdem ins alte Kirchlein.
Sie legen ihn in den Holzsarg, den sie für den
Pfarrer geschnitzt hatten. Keine Messe. Kein
Kreuz. Nur ein paar Tannenzweige. Und im Dorf
wird niemand mehr über den Berg sprechen.
Aber die Kinder singen jetzt ein Lied, leise,
beim Melken: „Der Schnee hat ihn genommen, weil
er nicht mehr fliehen wollte.“
Und im Frühling, wenn die ersten Blumen durch
den Schnee dringen, wächst dort, wo er lag, eine
einzige, weiße Blume — mit sechs Blütenblättern.
Die Alten nennen sie „Josefsstille“. Die jungen
Leute wissen nicht, warum sie sie nicht pflücken.


