Der alte Josef K. sitzt im Schatten der Alm, die
letzte Kuh ist verkauft, die Holzsäge liegt
brach. Die Republik hat den Berg verlassen, doch
er hält die alten Regeln: Kein Strom aus dem Tal,
kein Bier aus der Fabrik, kein Kind mehr auf der
Eisenbahn. Die Kinder sind fort — zwei im Krieg,
einer verschwunden, einer in Wien, wo man ihm
sagte, er sei ein „Bergidiot“. Die Welt hat sich
verändert: Die Eisenbahn fährt jetzt durch
Tunnel, die vorher nur die Berggötter kannten.
Die Gleise haben den Berg durchbohrt, und mit
ihm die alte Ordnung. Wer nicht mit der Maschine
atmet, stirbt still.
Ein Brief kommt — nicht geschrieben, sondern
gedruckt. Der letzte Sohn, der in Wien als
Maschinist arbeitet, ist auf dem Zug 417
verschwunden, der nach dem Lawinenunglück am
Katschberg nicht mehr abfuhr. Der Staat sagt:
„Unfall.“ Die Kirche sagt: „Gottes Wille.“ Josef
weiß: Der Zug fuhr mit verbotenen Kohlen — aus
dem stillgelegten Bergwerk von St. Georgen, wo
man die Toten nicht mehr begrub, sondern
verbrennen ließ, um die neue Energie zu sparen.
Das Verbot ist still: Wer Kohle aus dem Berg
holt, wird als Verräter gejagt. Doch Josef hat
die Schlüssel.
Er packt den Rucksack mit Brot, dem Messer der
Großväter und dem alten Lederhandschuh, den er
dem Sohn vor dem Krieg gab. Die Straße ist
asphaltiert, die Tore der Mine sind verriegelt —
doch Josef kennt den Pfad, den die Bergleute
nachts gingen, als sie noch beteten, bevor sie
unter die Erde gingen. Er steigt ab, nicht zum
Tal, sondern zum Stollen, wo die Luft noch nach
Asche und Gebet riecht.
Im Tunnel findet er den Zug — halb eingestürzt,
aber intakt. Der Sohn liegt zwischen den Kohlen,
lebendig, aber ohne Sprache. Seine Hände sind
verbrannt, sein Gesicht ein Spiegel der Maschine.
Neben ihm: drei tote Arbeiter, ihre Gesichter
von Kohlenstaub verhüllt, wie sie in der
Dunkelheit starben — weil sie nicht durften,
nicht mehr zu gehen, nicht mehr zu atmen.
Josef nimmt den Sohn auf den Rücken. Er trägt
ihn durch den Tunnel, über die Schienen, durch
den Schnee, bis zur ersten Haltestelle. Dort
wartet die neue Welt: ein Polizist, ein Priester,
ein Reporter mit Kamera. Der Polizist hebt die
Waffe. Der Priester betet leise. Der Reporter
schreibt: „Bergidiot rettet Sohn — Symbol der
Vergangenheit?“
Josef geht nicht auf sie zu. Er setzt den Sohn
auf die Bank, legt den Handschuh in seine Hände,
und tritt in den Zug, der gerade einfährt — mit
den verbotenen Kohlen, mit den Toten darin, mit
seinem Namen auf dem Fahrplan. Die Türen
schließen. Kein Schrei. Kein Wort.
Der Zug fährt. Nicht nach Wien. Nicht zurück.
Er fährt in den Berg hinein.
Und die letzte Fahrt des Bergkönigs wird zur
Legende — nicht weil er siegte, sondern weil er
den Tod wählte, statt die Welt zu verändern.


