Die Erbin von Schloss Riedegg, 28, betritt das
Haus im April 1952, drei Monate nach dem Tod
ihres Vaters. Die Alm liegt oberhalb von St.
Veit an der Glan, umgeben von Schutt und stillen
Berghängen, die noch immer den Geruch von
verbranntem Holz tragen. Der Schlossherr hat ihr
alles hinterlassen — inklusive des Briefs, der
in der Ledertasche im Wohnzimmer lag: „Wer die
Treppe hinuntergeht, stirbt mit dem Geheimnis.“
Sie hat die Liste der Erben gelesen. Die Namen
sind alle verstorben. Die letzten drei: ihr
Onkel, sein Freund, ihr Großvater — alle
innerhalb von zwei Jahren nach 1945, ohne
Krankenbericht, ohne Grabstein. Die Gemeinde
spricht von „unheilvoller Luft“. Die Pfarrer
weichen beim Abendmahl aus.
Im Juni, als die letzte Schneeschmelze das
Fundament lockert, lässt sie den Maurer kommen.
Nicht für das Dach, nicht für die Fenster. Für
die Wand hinter dem Kaminsims. Die Ziegel sind
falsch gesetzt. Darunter: eine Holztür,
versiegelt mit Blei und einem Kreuz aus Eisen,
das kein Priester gesegnet hat. Sie schlägt sie
auf.
Die Treppe führt hinunter, wo die Luft nach Erde,
Kohle und etwas Süßlichem riecht — wie verfaulte
Marillen. Zwischen den Stufen liegt ein Mantel
aus Wollfilz, zerrissen, mit einer Kugel im
Rücken. Die Tasche enthält einen Zettel: „Sieben
Namen. Drei noch lebendig. Die anderen sind im
Stein.“
Sie findet die Leiche am Boden. Der Onkel. Sein
Gesicht ist unverwest, als ob er gestern erst
gestorben wäre. In der Hand: ein Bleistift, der
bis zum Ende abgekaut ist. Neben ihm ein
Holzkasten mit sieben Karten. Jede trägt einen
Namen. Jede ist mit einem Datum versehen. Das
letzte Datum: 13. März 1938. Der Tag, an dem die
Wehrmacht in Österreich einmarschierte.
Sie kennt drei Namen. Einer gehört ihrem Vater.
Ein anderer dem Bürgermeister von Spittal. Der
dritte — dem Pfarrer, der ihr die Kommunion gab.
Sie nimmt die Karten mit. Gehen darf sie nicht.
Wer sie nimmt, wird als Verräterin gebrandmarkt.
Wer sie verbrennt, wird als Mitwisserin
verhaftet. Die Polizei in Klagenfurt hat Befehl:
Keine Ermittlungen zu alten Dingen. Die Kirche
hat Befehl: Keine Fragen zu den Toten. Die Alpen
haben Befehl: Schweigen ist Heimat.
Am Morgen des 15. Juni bringt sie den Kasten zum
Schrottplatz in Graz. Sie wirft ihn in den Ofen.
Die Karten verbrennen langsam. Die Namen werden
grau. Die Asche riecht nach Kaffee und
verbranntem Papier. Als sie nach Hause fährt,
weiß sie: Die Leiche bleibt unten. Die Karten
sind fort. Aber sie hat die Nummern auswendig
gelernt.
Drei Namen. Drei Menschen. Drei Möglichkeiten,
die Welt zu brechen — oder sie zu retten.
Sie geht nicht hin. Sie wird nicht warten. Sie
schreibt nichts. Sie schläft nicht. In der Nacht
öffnet sie die Tür zum Keller nicht. Sie öffnet
die Tür zum nächsten Dorf. Und fährt los — mit
einem Koffer voller Fotos, die sie nie zeigen
wird, und einem Namen, den sie nicht vergessen
kann: Dr. Josef M. — der letzte Arzt, der vor
dem Anschluss Kinder aus dem Lager bei Radstadt
behandelt hat.


