Die letzte Jodlerin von Kals stirbt im Schnee,
bevor die Polizei die Tür erreicht. Ihr
Enkelkind, Liesl, zehn, trägt das Jodlerbuch
unter dem Rock, das ihre Tante ihr nach dem
Abendbrot immer flüsterte — verboten seit ’47,
als das Ministerium „Volksverfälschung“ durch
Alpenmythos verhängte. Die Behörden verbrennen
das Haus, aber nicht das Buch. Liesl läuft drei
Tage durch die Kalkalpen, bis sie im stillen
Bergdorf Niederau bei einer Almwirtin
Unterschlupf findet. Dort lernen die Kinder
nicht mehr Jodeln, sondern amerikanische
Populärmelodien aus dem Radio. Die
Dorfgemeinschaft singt still, um nicht auffällig
zu sein.
Im Jahr ’52, als die WirtschaftswunderLkw die
Almen mit Betonröhren überziehen, findet Liesl,
jetzt siebzehn, in der Ruine der alten
Jodlerhütte ein verrostetes Magnetbandgerät. Es
läuft. Die Stimme ihrer Tante, aufgenommen vor
drei Jahren, singt das Lied von der „Bergsee,
die nicht vergisst“. Das Band ist das letzte
Exemplar einer illegalen Aufnahmekampagne — von
ehemaligen Widerständlern, die den Krieg nicht
vergessen wollten, aber nicht reden durften.
Liesl nimmt es mit in die Stadt.
Sie arbeitet als Putzfrau im Wiener Musikarchiv,
wo sie die Tonbänder der „Reinigung“ sammelt:
verbotene Volkslieder, die der Staat als
„kulturelle Müll“ einordnete. Jede Nacht
schneidet sie ein Stück von einem neuen Band ab,
klebt es auf ein altes, und versteckt es in der
Sohle ihrer Stiefel. Sie weiß: wer ein Band
findet, wird verschwinden.
Am Tag der Eröffnung des neuen „Alpenmuseums“,
wo Kinder mit Lautsprechern „sanierte“ Jodler
hören, setzt Liesl das letzte Band in den
öffentlichen Radiosender ein — nicht über die
Luftwelle, sondern über die veraltete Leitung
der alten Bergbahnstation. Es läuft drei Minuten
lang, während die Besucher die Ausstellung
betreten. Niemand spricht. Niemand klatscht.
Aber drei Almleute aus dem Ötztal weinen laut.
Am nächsten Morgen ist das Gerät verschwunden.
Liesl nicht. Sie sitzt auf der Bank vor der
Kirche von Kals, hält das Jodlerbuch auf dem
Schoß. Die Mutter der Wirtin, die sie damals
versteckte, kommt mit zwei Brote und einem neuen
Band. Sie sagt nichts. Nur dass die
Kirchenglocke heute anders klingt.
Liesl beginnt zu jodeln. Nicht laut. Nicht
fehlerfrei. Aber so, wie es ihre Tante wollte.
Das Land hat vergessen, wie man singt. Aber die
Berge hören noch.


