Der Schmied aus St. Wolfgang erwacht in einem
Krankenhaus in Salzburg, weiß nicht mehr, wer er
war, nur dass er Glocken kennt. Die Ärzte nennen
ihn Josef M., der Krieg hat ihn gebrochen. Seine
Hände zittern nicht vor Alter, sondern vor etwas,
das er nicht mehr benennen kann.
In der alten Kirche von St. Gilgen, halb
verfallen, steht eine Glocke — die letzte, die
nicht eingeschmolzen wurde. Sie ist verboten.
Nach dem Gesetz von ’47 dürfen keine
Kirchenglocken mehr geläutet werden, solange die
Besatzung nicht abgezogen ist. Wer sie rührt,
wird als Verstoß gegen die
Entnazifizierungsordnung verhaftet. Niemand sagt
es laut, aber alle wissen: Die Glocke hat einmal
für die Toten des Berges geläutet — und für die,
die verschwanden, als die Partei kam.
Josef findet sich dort, ohne zu wissen, warum.
Er berührt das Metall. Es ist kalt, aber er
weint. Die Nonne, die ihm Brot bringt, sagt
nichts. Sie hat gesehen, wie er in der Nacht mit
einem Holzhammer auf die Glocke eindrischelte —
nicht, um sie zu läuten, sondern um sie zu
zerstören. Sie hat ihn daran gehindert. Er hat
sie geschlagen. Sie hat ihn nicht angezeigt.
Die Dorfbewohner reden nicht mehr von den
Männern, die im Winter ’44 in den Steinbruch
geführt wurden. Nicht von den Frauen, die danach
still blieben. Aber Josef träumt von einem Gebet,
das er nicht sprach, von einem Namen, den er
nicht nannte. Er erinnert sich nicht an die
Uniform. Er erinnert sich an das Gewicht des
Hammers, als er die letzte Glocke zum Schweigen
brachte — weil er glaubte, es sei das Richtige.
Die Kirche wird abgerissen. Der Bauarbeiter aus
Linz, ein ehemaliger SSMann, der nun als
Bauleiter arbeitet, sagt: „Glocken erinnern. Und
Erinnerung ist ein Gift.“ Josef steht am Rand
des Schutthügels. Er hält eine Scherbe aus
Bronze in der Hand — ein Stück des
Glockentellers, mit der Inschrift: „Für die
Toten, die wir vergaßen.“
Er geht nicht zur Polizei. Er geht nicht zur
Kirche. Er nimmt die Scherbe, geht hinauf zum
alten Weg zum Klausenpass, wo die Bergbauern
ihre Toten begruben, bevor die Partei die
Friedhöfe verstaatlichte. Dort, unter einem
Stein, der nicht auf dem Plan steht, vergräbt er
die Scherbe. Kein Kreuz. Kein Name. Nur die Erde,
die alles verschluckt.
Am nächsten Morgen läutet die Kirche in Mondsee —
nicht aus Glauben, sondern weil der neue Pfarrer
die alte Glocke aus dem Keller geholt hat.
Niemand klatscht. Niemand singt. Nur ein Wind,
der aus den Bergen kommt, wie vor hundert Jahren.
Josef hört es. Er weiß nicht, warum. Aber er
bleibt stehen. Und er atmet. Nicht, weil er
erlöst ist. Sondern weil er endlich wieder etwas
spürt, das nicht aus Lügen besteht.


