Die letzte Nonne von Kitzbühel taucht auf, als
der Schnee im März schmilzt und die Wände des
stillgelegten Klosters bröckeln. Sie trägt
keinen Habit mehr, nur einen Lederrucksack,
voller Pilze und ein vergilbtes Foto von vier
Männern in Uniform — drei davon sind tot, einer
verschwunden. Keiner im Dorf spricht ihren Namen
aus. Sie wohnt in der alten Stallung, kocht
Suppe aus Wurzeln, und legt jeden Abend einen
Stein auf den Friedhofshügel, wo kein Grabstein
steht.
Die Blutfehde begann, als die vier Männer 1944
in den Bergen einen Partisanen erschossen —
nicht im Kampf, sondern nach der Gefangennahme.
Einer von ihnen war der Bruder des Pfarrers. Der
vierte, ein junger Bergbauer, weigerte sich,
mitzumachen. Er verschwand. Seine Schwester, die
Nonne, kehrte nicht zurück. Sie wurde verbannt.
Die Kirche schwieg. Die Gemeinde trug das
Schweigen wie eine Kutte.
Als die Nonne den vierten Stein legt — auf den
Platz, wo der Verschwundene zuletzt gesehen
wurde — bricht der alte Bergbauer aus dem Keller
hervor, halb verfault, halb verhungert. Er hat
sieben Jahre in einer Höhle gelebt, weil er
wusste: wer zurückkommt, wird getötet. Das Dorf
hat die Regeln nie aufgeschrieben. Aber wer die
Leiche nicht beerdigt, wird zur Leiche.
Sie reicht ihm den Pilz, den sie am Morgen
gefunden hat — den Blauen Engel, der nur in der
Nähe von Toten wächst. Er zittert. Dann nimmt er
ihn. Und beißt hinein. Kein Wort. Nur der
Geschmack von Erde und Blut.
Am nächsten Tag öffnet der Pfarrer die
Kirchentür. Nicht zum Gebet. Zum Begräbnis. Er
trägt den Sarg aus Zink, den er seit 1945 im
Keller versteckt hielt. Darin liegt der vierte
Mann. Nicht tot. Nicht lebendig. Nur noch Haut
über Knochen. Die Nonne steht hinter ihm. Kein
Kreuz. Kein Gebet. Nur der Stein, den sie auf
den Sarg legt.
Drei Tage später fällt die erste
Schneefallglocke. Die Kirchenglocke, die seit
1938 nicht mehr geläutet wurde. Niemand weiß,
wer sie läutet. Aber alle hören sie. Und alle
wissen: die Blutfehde ist beendet. Nicht durch
Gewalt. Nicht durch Vergebung. Sondern weil
jemand die Leiche berührt hat — und nicht
weggeschaut hat.
Die Nonne verschwindet, bevor die Sonne wieder
scheint. Der Bergbauer bleibt. Er pflanzt Pilze
auf dem Friedhof. Und legt jeden Morgen einen
Stein auf das Grab, das nie da war.


