Die Schule in St. Johann im Pongau schließt. Die
Lehrerin, Anna K., erhält keine neue Anstellung,
denn das Bildungsministerium spart mit dem
Argument, Kinder aus armen Bergfamilien
brauchten keine Bücher — nur Brot. Ihr Gehalt
wird eingestellt, die Wohnung wird geräumt. Sie
trägt das letzte Exemplar ihres Schulbuchs
„Deutsch für die neue Republik“ mit sich,
gebunden mit Leinen, die vom Krieg noch stinkt.
Sie geht zu Fuß. Kein Zug fährt mehr nach
Mittersill, die Brücken sind eingestürzt, die
Straßen von Trümmern verstopft. Die Alm ihres
Vaters, die „Kreuzalm“, steht seit 1943 unter
Verbot: Wer sie betritt, riskiert die Ausweisung
als „unzuverlässig“, denn dort soll ein
Widerstandsnest gewesen sein. Doch niemand hat
je einen Partisanen gesehen. Nur ihre Mutter,
damals, nach der Hinrichtung des Vaters,
flüsterte: „Wenn du alles verlierst, geh hinauf.
Da wächst noch was.“
Sie durchquert die Kitzbüheler Alpen im April.
Die Schneeschmelze frisst die Wege, die Kühe
sind weg, die Hütten verfallen. Ein Bauer gibt
ihr einen halben Laib Brot, sagt aber nicht, ob
er sie kennt. Sie schläft in der Ruine einer
Kapelle, die noch ein verrostetes Marienbild
trägt. Die Idylle liegt nicht in der Landschaft —
sie liegt darin, dass die Luft still ist. Keine
Stimmen. Keine Politik. Nur der Wind, der durch
die Fichten fährt, als hätte der Krieg nie
stattgefunden.
Am dritten Tag erreicht sie die Kreuzalm. Die
Türe hängt schief, doch der Ofen ist noch warm.
Unter dem Boden, hinter einer lose gelegten
Dielenplanke, liegt ein Holzkasten. Darin: ein
altes Notizbuch ihres Vaters, voller Zeichnungen
von Edelweiß, und drei Dosen mit Salz — jedes
Etikett mit einem Datum: 1918, 1938, 1945. Das
letzte Datum ist umschrieben mit einem Kreuz.
Kein Wort. Nur das Salz. Es ist das Salz, das
man früher auf die Gräber streute, wenn man
keine Steine hatte.
Sie bleibt. Pflanzt Kartoffeln in den
verbrannten Acker. Zieht eine Ziege aus dem Wald.
Brennt Holz, das noch riecht nach Rauch. Die
Gemeinde weiß es. Niemand kommt. Aber jeden
Morgen legt jemand einen Apfel vor die Tür —
manchmal einen Kuchen aus der Bäckerei in Zell
am See. Niemand sagt, wer es ist.
Sie unterrichtet keine Kinder mehr. Aber sie
schreibt in das Schulbuch. Jeden Abend. Sie
schreibt: „Heute hat die Ziege geboren. Drei
Junge. Der Himmel war so blau wie vor 1914.“ Sie
schreibt, als sei die Republik noch da. Als sei
sie noch wichtig.
Das Salz bleibt in der Dose. Sie nimmt es nicht.
Es ist kein Erbe. Es ist ein Zeichen: Wer das
Salz nimmt, vergisst. Wer es lässt, erinnert —
und überlebt doch.
Die Alm steht noch.
Die Lehrerin lebt noch.
Und niemand sagt, dass es richtig war.


