Der Berg war nicht mehr der gleiche. Nach dem
Sturz der Zentralen Steuerungsanlage im Jahr
2047 hatte sich das Klima verändert – die Alpen
wurden zu einem lebenden Schutzwall, der Wetter
und Wachstum regelte. Wer den Berg verließ,
kehrte oft als Fremder zurück, mit zerstörtem
Gedächtnis und verlorenem Standort.
Anna, eine ehemalige Lehrerin aus Salzburg, fand
ihre Tochter Lena auf einem Schneefeld vor den
Toren ihres Dorfes. Lena trug keine Erinnerungen
an ihr Leben, nur ein Stück Holz mit dem Namen
ihrer Mutter eingraviert. Anna wusste: Wenn sie
Lena nicht ins Bergdorf brachte, würde sie sie
nie wiederfinden.
Im Bergdorf standen die alten Regeln noch: Jeder,
der ohne Erinnerung kam, wurde zur Last. Die
Gemeinschaft hatte sich in kleine Clans
aufgeteilt, die überlebten durch die Ernte von
Gletschern und das Sammeln von Energie aus den
Felsen. Anna musste sich unterwerfen, um Lena zu
schützen. Sie nahm einen Platz als
„Erinnerungshüterin“ an, eine Rolle, die nur
Frauen innehatte – sie sollte für andere
Menschen vergessene Erinnerungen sammeln und
speichern.
Lena begann, sich an Bruchstücke zu erinnern:
ein Lied, ein Geruch nach Lavendel, ein Bild von
ihrer Mutter. Doch mit jedem Tag, den sie im
Dorf blieb, verschwanden diese Erinnerungen
wieder. Anna sah, wie Lena langsam in den
Abstieg geriet – nicht nur sozial, sondern auch
menschlich.
Ein neuer Clan, die „Schwarzen Steinbrüder“,
drang in das Dorf ein. Sie suchten nach
Erinnerungen, um sie zu verkaufen. Anna
entdeckte, dass Lena ein seltenes Gen besaß, das
es ermöglichte, Erinnerungen nicht nur zu
speichern, sondern zu manipulieren. Doch dies
war eine Gefahr für das Dorf.
In der Nacht des Mondfinsternisses, als der Berg
seine Kraft konzentrierte, setzte Anna sich
gegen den Clan. Sie gab Lena die letzte
Erinnerung, die sie noch hatte – das Bild ihrer
gemeinsamen Zukunft. Lena weinte, dann rannte
sie in den Schnee. Der Berg verschluckte sie.
Am Morgen fand Anna eine neue Erinnerung auf dem
Schneefeld: Lena lebte weiter, doch nicht mehr
als Mensch. Sie war zur Erinnerung geworden,
eingebettet in den Berg selbst. Anna blieb
zurück, um die Erinnerungen der anderen zu
bewahren – als Opferbereite Mutter, in einer
Welt, die nichts mehr mit Erinnerung zu tun
hatte.
Der Berg blieb still. Unheilvoll.


