Die Alpen liegen kalt und still nach dem Krieg.

Salz ist kein Gewürz mehr, sondern Staatsmonopol.

Wer es stiehlt, verschwindet. Wer es heilt, wird

beschattet. Die Republik hat die Bergdörfer

entmachtet, die Kirche schweigt, und die neue

Regierung verlangt: kein Salz mehr in den

Gräbern. Die Toten dürfen nicht ruhen, nur die

Lebenden zählen.

Die Kräuterfrau aus Mittersill kennt sie alle –

die verhungerten Kinder, die nachts in den

Wäldern sterben, die Soldaten, deren Gebeine

nicht in die Schachteln passen. Sie sammelt Salz

aus den Resten der alten Salzhandelswege, aus

den zerbrochenen Fässern der Besatzungstruppen.

Sie mischt es mit Wurzeln, legt es auf die Stirn

der Toten, damit die Seelen nicht im Nebel

hängen. Das ist kein Brauch mehr. Es ist

Verbrechen.

Eines Morgens findet sie das Tor zu ihrem

Kräutergarten zugenagelt. Drei Männer in grauen

Uniformen stehen vor ihrer Tür. Sie sagen nichts.

Nur: „Salz ist öffentliches Gut.“ Sie nehmen die

drei Gläser mit dem alten Salz, das sie aus dem

Bergwerk von Hallein gerettet hat – das Salz,

das noch nach Rauch und Mensch schmeckt. Sie

lassen ihr nur einen Zettel: „Morgen um neun.

Die Schule.“

Sie geht. Ohne Hut. Ohne Stock. Mit dem Messer

aus dem Küchenschublad, das ihr Vater im ’14 aus

dem Krieg mitgebracht hat. Die Schule ist jetzt

ein Lager. Kinder aus den Dörfern stehen mit

leeren Tellern. Die Lehrer sind Parteikader. Der

Kommandant liest vor: „Der Tod ist eine

Belastung der Gemeinschaft.“

Sie sagt nichts. Legt ihre Hand auf den Tisch.

Zieht das Messer. Schneidet sich die Linke auf.

Lässt ihr Blut in ein Holzgefäß fallen – das

letzte Salz, das sie nicht verloren hat. Ihr

Blut. Ihr Salz. Ihr Ritus.

Sie stirbt nicht sofort. Sie stirbt, während die

Kinder zuschauen. Sie stirbt, als das Salz in

ihrem Blut zu kristallisieren beginnt – ein

weißer Pulverregen auf dem Holz. Die Männer

rühren sich nicht. Sie wissen: das Salz aus

einem Heiligen ist kein Stoff mehr. Es ist ein

Fluch. Es hält nicht die Toten. Es hält die

Lebenden.

Am Abend brennt die Schule. Niemand sagt, wer.

Aber in den Trümmern liegt ein kleiner Stein –

salzig, warm, mit einem Hauch von Wacholder. Die

Kinder sammeln ihn. Verstecken ihn in den

Taschen ihrer Jacken. Die nächste Woche wird

kein Salz mehr aus den Lagern verteilt. Die

Lagermeister verschwinden. Die Toten in den

Gräbern bleiben unberührt.

Die Kräuterfrau war die letzte, die wusste, wie

man salzt.

Jetzt wissen es alle.

Und niemand traut sich, es zu verbieten.