Die letzte Apotheke in der Bergstadt schließt.
Die Leute tragen Masken aus Stoff und Scham. Die
Kräuterfrau, die seit Jahrzehnten die Wunden der
Dorfleute versorgte, wird von den Nachbarn
gemieden. Sie hat keine Dokumente, keine Namen,
nur einen Korb voller Tinkturen und ein Gesicht,
das niemand mehr erkennt.
Ein Junge stolpert in ihr Haus, blutend und ohne
Erinnerung. Sie gibt ihm eine Salbe aus
Johanniskraut und Salz, wie es ihre Mutter tat.
Doch als er aufwacht, fragt er nach dem Ort, den
sie nie kannte – einem Ort, der nach dem Krieg
nicht mehr existiert.
Die Stadt wird von einer Seuche heimgesucht, die
die Erinnerung löscht. Die Menschen vergessen
ihre Familien, ihre Arbeit, ihre Sprache. Die
Kräuterfrau spürt, wie auch sie sich verändert.
Ihre Hände zittern, ihre Gedanken werden leer.
Sie rast in die Ruinen der alten Bibliothek, wo
sie ein Tagebuch findet – ihr eigenes,
geschrieben in einer Hand, die sie nicht kennt.
Ein Mann mit einem Messer tritt in ihr Zimmer.
Er sagt nichts, nur: „Du bist die Letzte.“ Sie
erkennt ihn an den Narben an seinen Händen, an
der Art, wie er sich bewegt. Er ist der Vater,
den sie nie kannte. Er will sie töten, weil sie
die Erinnerung an die Katastrophe trägt – die
Nacht, in der die Stadt brannte und die Menschen
verschwanden.
Sie flieht in die Berge. Der Junge folgt ihr,
jetzt mit Erinnerungen, die nicht seine sind.
Sie erreichen eine Höhle, in der die Luft schwer
ist und die Wände mit Zeichnungen bedeckt sind –
Bilder von einer Zeit, die nicht existieren
sollte. Die Kräuterfrau berührt eine Zeichnung,
und plötzlich sieht sie die Stadt vor ihrem Tod.
Sie sieht sich selbst, jünger, mit einem Kind an
der Hand.
Der Junge fällt zusammen. Seine Erinnerung ist
zurück, aber er ist nicht mehr der, der er war.
Die Kräuterfrau gibt ihm eine Tinktur, die ihn
träumen lässt. Sie schreibt in ihr Tagebuch,
dass sie sich erinnert hat – an den Brand, an
den Vater, an die Flucht. Sie weiß, dass sie
sterben wird, aber sie hat den letzten Schlüssel
gefunden.
Als die Soldaten die Höhle stürmen, ist sie
bereit. Sie öffnet den Korb, gibt den letzten
Tropfen in den Mund des Jungen und lächelt. Die
Welt wird nicht besser, aber sie hat gesagt, was
sie wusste.


